Betroffenheitspartys für besorgte Stars

19. Februar 2003, 13:16
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Viel politische Rechtschaffenheit und wenig gutes Kino bot die 53. Berlinale. Ähnliches Engagement bei der Gala der Echo-Musikpreise

Berlin - "Ich find' Bush nicht gut! Ich steh' auf Berlin!" So oder ähnlich könnte man einen alten Hit der einstigen Neue-Deutsche-Welle-Band Ideal abwandeln. Ein beispielloser Auftrieb internationaler Film- und Popstars war in den vergangenen Tagen am Potsdamer Platz (dem Zentrum der Berlinale) und im Internationalen Congress Centrum (wo am Samstag der deutsche Popmusikpreis Echo vergeben wurde) zu vermelden: hier George Clooney, Daniel Day-Lewis, Nicole Kidman und Kollegen, da Robbie Williams und die Red Hot Chili Peppers. Nie war es seit dem Mauerfall so hip, in der deutschen Hauptstadt aufzutreten und damit gleichzeitig politische Besorgnis zu signalisieren.

"Give Peace a Chance!" improvisierte etwa Williams bei der Echo-Gala den jubelnden Massen entgegen. Dafür gab man ihm erst recht gerne den Preis für den "besten internationalen Popkünstler". Ähnliches Sendungs- und Sendebewusstsein scheint auch die Berlinale-Jury unter dem Vorsitz des kanadischen Regisseurs Atom Egoyan geleitet zu haben: Den Goldenen Bären verlieh man dem britischen Regisseur Michael Winterbottom, der in dem semidokumentarischen Film In this World afghanische Flüchtlinge auf ihrer Route von Peschawar/Pakistan durch Iran und Kurdistan in die Türkei und nach Italien verfolgt.

"Vielleicht erwarte ich zu viel, aber ich möchte die Menschen durchaus dazu anregen, über Schicksale wie die der afghanischen Flüchtlinge in unserem Film nachzudenken und vor allem auch zu überlegen, wie jeder Einzelne helfen kann", sagte Winterbottom, der übrigens auch mit dem Friedenspreis und dem Preis der Ökumenischen Kirchenjury prämiert wurde.

Nun, zum Nachdenken regt in dieser Welt heutzutage vieles an, und nachdenklich machen nicht gerade nur die besten Filme. Es wirkt zum Beispiel die Handkamera-Glaubwürdigkeit von In this World doch immer wieder sehr plakativ. Und es verwundert beispielsweise schon sehr, dass dagegen Spike Lees New Yorker Drama 25th Hour bei der Preisvergabe völlig übersehen wurde.

Nicht übersehen wurden hingegen Nicole Kidman, Meryl Streep und Julianne Moore, die als Hauptdarstellerinnen von Stephen Daldrys Literaturverfilmung The Hours mit Silbernen Bären bedacht wurden. Weitere solcher Bären gingen an Sam Rockwell (bester Darsteller in George Clooneys Confessions of a Dangerous Mind), Patrice Chéreau (beste Regie, Mon frère), Spike Jonze (zweitbester Film: Adaptation) und Li Yang (beste künstlerische Leistung: als Regisseur des chinesischen Beitrags Mang Jing/Blinder Schacht). Der "Blaue Engel Preis" für den besten europäischen Film wiederum ging an Wolfgang Beckers Tragikomödie Goodbye Lenin: Darin versucht ein junger Mann, seiner kranken Mutter vorzugaukeln, dass die DDR (samt ihrer sehr speziellen Waren, Haltungen und Strukturen) immer noch existiert.

Society-Event

Einmal mehr war die Berlinale als Gesellschaftsereignis ein großer Erfolg: Selbst in seriösen Medien wurde über die Stars und die rund um sie stattfindenden Partys und Diners fast ebenso ausführlich berichtet und getratscht, wie Filme rezensiert wurden.

Das publikumsorientierte Glamourkonzept von Direktor Dieter Kosslick ging heuer denn auch besser auf denn je: Um den Preis, dass der Wettbewerb zu einem Viertel ein Schwerpunkt für das US-Studio Miramax wurde; dass gleichzeitig die Nebenschienen Panorama und Forum integrierter, politisch unbedarfter und zugleich beliebiger programmiert wirkten. Kurz: Über qualitative Konkurrenz mit Venedig und Cannes sollte man in der nächsten Zeit wieder verstärkt nachdenken. Cineastisch betrachtet ist die Berlinale gegenwärtig in desolaterem Zustand als unter Kosslicks viel geschmähtem Vorgänger Moritz de Hadeln.

Aber, wie gesagt, sehr erfolgreich. Und wahrscheinlich genau das, was das angeschlagene, mit Imageproblemen kämpfende Berlin gegenwärtig dringend sucht: ein Aushängeschild und Forum, das Quote macht. Eine schillernde Projektionsfläche, die verkündet: Wir sind ja doch wieder wer. Und dann sagen die Red Hot Chili Peppers bei der Echo-Verleihung (beste internationale Gruppe) noch, dass sie auf das deutsche Ex-Girlie-Wunder Nena stehen. Nena (jetzt wieder beste deutsche Popsängerin) freut sich. Herbert Grönemeyer (bester deutscher Popsänger, beste Single: Mensch) freut sich auch, spricht aber seltsamerweise nur über persönliche Trauer und Besorgnis. Und am Ende singen die Kandidaten von Deutschland sucht den Superstar mit Dieter Bohlen We Have A Dream.

Dazwischen hält wieder jemand ein "No more War"- T-Shirt ins Bild. Hat noch jemand etwas gegen George W. Bush gesagt? Man müsste sich jetzt nur darauf konzentrieren können, was. Die TV-Moderatorin Frauke Ludowig ist übrigens im fünften Monat schwanger. Hat sie immer noch keiner gefragt, was sie weltpolitisch so denkt? (DER STANDARD, Printausgabe vom 17.2.2003)

Von
Claus Philipp

Kommentar

Kaputtes Drehbuch

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    Triumph eines "politischen" Kinos: der britische Regisseur Michael Winterbottom und sein Goldener Bär bei der Preisverleihungsgala der 53. Berlinale

  • Die Flucht in die Türkei führt für viele afghanische Flüchtlinge ins Nichts: "In this World", 
ein semi-dokumen-tarischer Film von Michael Winter-bottom, 
siegte bei der Berlinale
    foto: berlinale

    Die Flucht in die Türkei führt für viele afghanische Flüchtlinge ins Nichts: "In this World", ein semi-dokumen-tarischer Film von Michael Winter-bottom, siegte bei der Berlinale

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