Besorgnis erregende Entfremdung

16. Februar 2003, 19:03
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Warum Ost und West in der Irak-Frage "verschieden ticken", erläutert Barbara Coudenhove-Kalergi in ihrer Kolumne

Nicht nur innerhalb der Nato und der EU hat die Irakkrise eine Spaltung bewirkt, sondern auch zwischen den meisten europäischen Regierungen und ihren Bevölkerungen und zwischen den Kernländern der EU und den Beitrittskandidaten. Alle osteuropäischen Regierungen mit Ausnahme der tschechischen haben sich hinter die USA gestellt, und auch in Tschechien hat Präsident Václav Havel die Unterstützungserklärung für den Krieg der Amerikaner unterzeichnet. Es war seine letzte Amtshandlung als Staatsoberhaupt. Warum ticken Ost und West in dieser Frage verschieden?

Bei den so genannten Durchschnittsmenschen sind die Unterschiede nicht so groß, wohl aber bei den so genannten Eliten. Überall in Europa weisen die Umfragen solide Mehrheiten gegen den Krieg aus.

Besonders skeptisch sind die Intellektuellen. Nicht nur das Völkerrecht, die Leiden der irakischen Zivilbevölkerung, die unsichere Situation nach dem Krieg lassen sie zögern, auch die Vorstellung einer absoluten Vorherrschaft der USA und des "Cowboys von Washington" über alle Bedenken der "alten" Europäer hinweg sind Gründe für ihr Unbehagen.

Nicht so in Osteuropa. Dort ist das Ja der Staatskanzleien zum Krieg weit gehend im Einklang mit dem Denken der führenden Geister, auch vielen der ehemaligen Dissidenten. Wenn man zwischen Frankreich und Deutschland auf der einen und den USA auf der anderen Seite zu wählen hat, dann liegen die Präferenzen eindeutig aufseiten der USA. Die Amerikaner haben uns von den Nazis und von den Kommunisten befreit, kann man da hören. Die Amerikaner waren immer an unserer Seite, als es uns schlecht ging, während die Europäer sich mit unseren Unterdrückern ganz gut arrangiert haben. Wenn jetzt die Amerikaner unsere Hilfe brauchen, dann müssen wir sie geben. In Polen, wo die Kriegszustimmung auch in der Bevölkerung am höchsten ist, spielt auch die historische Verbundenheit mit Amerika eine Rolle. Polnische Generale kämpften im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, es gibt eine große polnische Diaspora in den USA. Und wenn, wie im Fall Irak, Deutschland und Russland gemeinsame Sache machen, die beiden großen Nachbarn, die das Land in der Vergangenheit immer wieder bedroht haben, dann läuten bei vielen Polen die Alarmglocken. Dann sucht man Sicherheit bei Amerika.

Bei Václav Havel wiederum dürfte unter anderem auch die Erinnerung an das Münchner Abkommen 1939 eine Rolle gespielt haben, bei dem die Westmächte schon einmal das "Appeasement" mit einem Diktator gesucht hatten, und auch die Tatsache, dass sich mit der Gegnerschaft zum Krieg die tschechischen Kommunisten wieder ins Spiel gebracht haben. Und alle, auch die "zehn von Vilnius", die in der zweiten Reihe der EU-Anwärter stehen, wissen, dass ihnen beim angestrebten Weg in die EU amerikanisches Wohlwollen nützen, amerikanische Ungnade aber schaden würde.

In den letzten Wochen hat die wachsende Kluft zwischen Europa und Amerika Anlass zu vielen besorgten Kommentaren gegeben. Am Vorabend der EU-Erweiterung sollten wir uns freilich auch über die spürbare Entfremdung zwischen den alten und den neuen Mitgliedern der Union Sorgen machen. Die Achse Deutschland-Polen ist für Europa genauso wichtig wie die Achse Deutschland-Frankreich, sagte einst Helmut Kohl. Höchste Zeit, sie wieder zu festigen. Spätestens nach dem Irakkrieg. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2003)

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