Professor bleibt in Opposition

16. Februar 2003, 12:39
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Bundessprecher sieht keine Notwendigkeiten für Konsequenzen

Wien - Erstmals in der Geschichte der österreichischen Grünen gab es für die Ökopartei nach der Nationalratswahl im vergangenen November eine reale Chance auf eine Regierungsbeteiligung: zwar nicht wie ursprünglich angenommen mit den Sozialdemokraten, sondern mit der Volkspartei. Grünen-Chef Alexander Van der Bellen (59) entschloss sich nach einer Rückzugsphase seiner Partei zu Jahresende diesen Februar dennoch in Regierungsverhandlungen einzutreten.

Ein Regierungsamt schien schon zum Greifen nah: doch schlussendlich sind die Verhandlungen mit der ÖVP gescheitert, der honorige Professor und Kettenraucher bleibt mit seinen Grünen in Opposition. Um persönliche Konsequenzen daraus zu ziehen, sieht Van der Bellen aber keine Notwendigkeiten.

Publikumsliebling

Der am 18. Jänner 1944 als Sohn einer estnischen Mutter und eines russischen Vaters mit holländischen Wurzeln geborene Wiener stieg erst spät in die Politik ein. Seit 1980 Universitäts-Professor für Volkswirtschaftslehre war er zwar rund elf Jahre SPÖ-Parteimitglied, de facto aber nicht parteipolitisch engagiert. 1994 zog er dann für die Grünen in den Nationalrat ein, um innerhalb kürzester Zeit ihr Publikumsliebling zu werden. 1997 wurde Van der Bellen Bundessprecher und mittlerweile auch zwei Mal in dieser Funktion bestätigt. Bei der Wahl 1999 fuhr er für seine Partei Stimmengewinne ein, während Konkurrent Liberales Forum aus dem Nationalrat flog.

Seither war Van der Bellen bei den früher stets zerstrittenen Grünen der unbestrittene Strahlemann. Abgesehen vom EU-Abgeordneten Johannes Voggenhuber wagte kein Spitzenfunktionär der Partei öffentliche Kritik am Bundessprecher. Hinter vorgehaltener Hand hätte sich zwar mancher ein etwas kantigeres Auftreten Van der Bellens gewünscht, solange sich Erfolge einstellten, war es aber den meisten Grünen egal. Doch dann kam die enttäuschende Wahl 2002.

Gewinne im geringeren Ausmaß

Der 24. November brachte zwar Gewinne - aber längst nicht im erwünschten Ausmaß. Nach Auszählung der Wahlkarten stand dann zwar im Dezember fest, dass eines der Ziele erreicht worden war: Grüner Europameister zu werden. Mit 9,5 Prozent sind die österreichischen Grünen derzeit - gemeinsam mit der Schwesterpartei aus Lettland - absoluter Spitzenreiter im europäischen Vergleich. Doppelt so stark wurde man allerdings nicht und die schwarz-blaue Mehrheit konnte auch nicht gebrochen werden. Wieder einmal konnten die Grünen die guten Umfragewerte vor der Wahl nicht in eine entsprechende Stimmenzahl gießen.

Mit seiner Linie für die Verhandlungen mit der ÖVP hatte sich der bis dahin weitestgehend unbestrittene Parteichef erstmals handfeste innerparteilicher Kritik eingehandelt. Im Erweiterten Bundesvorstand am 5. Februar schaffte er es zwar, ein Votum von 21 zu acht für die Aufnahme der Gesprächen mit der ÖVP zu erlangen - allerdings erst nach stundenlangen Diskussionen. Dem Vernehmen nach gaben einige Mitglieder des Gremiums schon an diesem Abend nur Van der Bellen zu Liebe ihre Zustimmung - um den Parteichef nicht bloßzustellen. Letztlich behielten die Kritiker doch Recht, dass diese Verhandlungen nichts brächten. (APA)

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