Zeitfaktor bestimmt Entwicklungsstörungen von Kindern

15. Februar 2003, 16:43
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Studie an Waisen aus Osteuropa

Denver - Der Zeitfaktor bestimmt weitgehend, ob Kinder nach einer mangelhaften Versorgung in ihren ersten Lebensjahren langfristig und ernsthaft in der Entwicklung gestört sind. Das haben US-Forscher in einer Studie mit kleinen Waisen aus Osteuropa ermittelt.

Danach konnten Kinder, die weniger als 26 Monate in Waisenhäusern und ähnlichen Institutionen verbrachten, die dort verursachten Entwicklungsstörungen in Adoptivfamilien später vergleichsweise schnell wieder überwinden. Bei Kindern, die jedoch bis zu 41 ihrer ersten Lebensmonate in staatlichen Heimen verbracht hatten, waren noch Jahre später erhebliche Einschränkungen in der Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit festzustellen.

Intelligenzquotient im altersgerechten Bereich

Dieses Ergebnis präsentierte der Psychologe Seth Pollak von der Universität von Wisconsin in Madison am Samstag auf der Jahrestagung des Amerikanischen Wissenschaftsverbandes AAAS in Denver (US-Bundesstaat Colorado). "Der Unterschied liegt bei dreihundert Prozent", ergänzte sein Kollege Charles Nelson unter Bezug auf die Entwicklungshemmung durch einen längeren Heimaufenthalt.

Zwar war der Intelligenzquotient aller Fünf- bis Sechsjährigen in der Studiengruppe im altersgerechten Bereich. Doch mehr als die Hälfte der Kinder hatte extreme Probleme damit, verbale Informationen zu verarbeiten. "Wenn die Kinder zuhören, eine Aufgabe erinnern und dann schnell reagieren sollten, hatten viele große Schwierigkeiten", sagte Pollack.

Genau diese Fähigkeiten seien aber in der Schule gefordert. Der Forscher warnte, solche Kinder vorschnell etwa wegen des Hyperaktivitätssyndroms (ADHD) zu behandeln, denn ihnen fehlten andere typische Verhaltensweisen für ADHD wie Impulsivität.

Pollacks Schluss lautet: Je kürzer Kinder in Institutionen blieben, ob in Osteuropa oder anderswo, desto besser sei es für die Entfaltung ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten. Ob jedoch auch jene Adoptivkinder, deren Heimaufenthalt sich über den längeren Zeitraum erstreckte, bei entsprechender Förderung auf Dauer noch gute Chancen zum Aufholen haben, sollen künftige Untersuchungen ergeben. (APA/dpa)

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