Nostalgie mit Ablaufdatum

14. Februar 2003, 21:27
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Alfred Komareks Inspektor quittiert den Dienst

Die Szene ist unheimlich, aber zunächst noch harmlos. Bei klirrender Kälte ist eine Gruppe von Männern im nächtlichen Weinberg unterwegs. Die letzten tiefgefrorenen Trauben werden von den Stöcken geschnitten. Der Dorfgendarm Simon Polt hat sich bereit erklärt, seinen Bekannten zu helfen, und so ist er gleich an Ort und Stelle, als die späte Ernte zur Presse gebracht wird. Im Presskorb sind freilich nicht nur die Trauben für den Eiswein gelandet, sondern auch eine Leiche.

So beginnt Polterabend, Komareks neuer und vierter Ethno-Krimi aus dem Grenzland zwischen dem Weinviertel und der tschechischen Grenze. Personal und Geografie sind bekannt, die Stimmung düster und die Korken der Weinflaschen sitzen locker. Komareks Krimis sind Albumblätter aus einem anderen Jahrhundert. Polt tut wenig anderes als warten und beobachten, im Wirtshaus und im Weinkeller sitzen, sehr ungesunde Sachen essen und seinen Kater Czernohorsky füttern. Die Zeit fließt träge dahin, und doch passiert etwas.

Polts Kunst der Ermittlung besteht im Sinnieren und Zuhören. Es ist eine versunkene Zeit ohne DNS-Nachweise, ohne Profiler, ohne Horror in der Pathologie und ohne Gruselszenen mit Psychopathen. Nicht dass das Dorf harmlos wäre. Es gibt giftige Dreckschleudern und verführerische Damen. Es gibt heimliche Familiendramen, ein paar osteuropäische Schläger, Bordelle jenseits der Grenze und misshandelte Frauen. Es gibt jede Menge Alkoholiker, einer davon erfriert wenige Meter vor seiner Hütte. Jeder weiß, wie besoffen der Nachbar war, als er mit dem Auto heimgefahren ist, und dass das Auge des Gesetzes sich selten darüber aufregt.

Aber diese Nostalgie hat ein Ablaufdatum. Simon Polt bekommt einen neuen Vorgesetzten. Der bringt frischen Wind in die verschlafenen Amtsstube, er will Statistiken, Berichte, Effizienz und was noch alles. Polt leistet passiven Widerstand. Er findet schließlich heraus, warum der Taugenichts in den Presskorb geraten ist, und hat keine Lust, es dem neuen Wichtigtuer zu erzählen, der die subtilen Zusammenhänge ohnehin nicht kapieren würde. Also schmeißt Polt die Mütze hin und quittiert seinen Dienst. Etwas Neues fängt an. Vielleicht wird Polts schlampertes Verhältnis zur Lehrerin Karin einer gewissen Verbindlichkeit zusteuern, wer weiß?

Komarek erzählt einfach, aber nicht einfältig. Die Atmosphäre, die er ganz unaufgeregt erzeugt, erinnert an einen der uralten Weinkeller des Dorfes. Voller Geschichten und Schweigen, modrig, einsturzgefährdet und doch heimelig geborgen im Bauch der Erde. Mit dem vierten Polt-Krimi hat Komarek nun seinen Jahreszeitenzyklus beendet. Er könnte ja wieder mit dem Frühling anfangen . . . Polterabend wird gerade verfilmt. Den Simon Polt spielt wieder Erwin Steinhauer, ORF-Sendetermin ist 2004. (Ingeborg Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 15.02.2003)

Alfred Komarek, Polterabend. € 17,90/191 Seiten. Haymon, Innsbruck 2003.
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