Ärger über Londons City-Maut

14. Februar 2003, 21:26
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Ab kommenden Montag kostet das Befahren der Innenstadt 7,5 Euro Maut pro Tag und Privatauto - auch von Touristen

London - "Schon wieder werden wir zur Kasse gebeten", stöhnt ein Londoner Autolenker mit dem Net-Pseudonym Lurch. "Werdet doch endlich erwachsen", schmettert Indy zurück. "Seid ihr erst zufrieden, wenn auch die letzte Straße verstopft ist?" Jordan ruft zum großen Boykott auf: "Schraubt alle Nummernschilder ab, sie können ja nicht jeden verhaften."

Die Internetseite "Sod-U-Ken" (siehe Webtipp unten) dient als Protestventil. "Sod-U-Ken" ist Slang und bedeutet etwa, "Ken, verpiss Dich!" Ken ist Londons Bürgermeister Ken Livingstone. Er hat dem Dauerstau den Kampf angesagt. Autofahrer müssen pro Tag fünf Pfund (rund 7,5 Euro) zahlen, wenn sie das Stadtzentrum werktags zwischen 7 und 18.30 Uhr ansteuern.

Drastische Strafen

800 Überwachungskameras filmen an den Zufahrten die Kennzeichen, ein Zentralcomputer wertet die Daten aus. Bis 22 Uhr hat man Zeit, die Gebühr zu entrichten; an Kiosken oder Tankstellen, via In- ternet oder per SMS. Wer bis Mitternacht wartet, muss bereits das Doppelte zahlen. Sturer Widerstand löst eine wahre Kostenlawine aus. Die Geldbuße fängt bei 80 Pfund (rund 120 Euro) an, bei weiterer Verzögerung nehmen die Summen rasant zu. Im Extremfall wird der Wagen eingezogen.

Auch Touristen sollen der Maut nicht entwischen: Eine Agentur treibt in 21 Ländern die Schulden ein. Dänemark und Deutschland aber lehnen die Zusammenarbeit ab.

Logisch, dass sich die Geister scheiden. Für die Befürworter ist es die beste Idee seit der U-Bahn-Premiere 1863. Sie verweisen auf die drastischen Stauszenen: An manchen Stellen ist die statistische Durchschnittsgeschwindigkeit auf Schritttempo gesunken. Der "Rote Ken", wie der frühere Labour-Linke Livingstone genannt wird, will die Verstopfung um zehn bis 15 Prozent verringern.

130 Millionen Pfund (knapp 200 Millionen Euro) soll der "Congestion Charge" jedes Jahr in die Stadtkasse spülen. Mit dem Geld will der Bürgermeister neue Busse kaufen und die veraltete U-Bahn modernisieren. "Wir können dem Chaos nicht länger tatenlos zusehen", verteidigt er sich.

"Chaos vor der Zone"

Das Chaos beschwöre Ken jetzt erst vollends herauf, don- nern die Kritiker. Bricht dann rings um die Gebührenzone nicht alles zusammen? Kann die U-Bahn überhaupt noch mehr Pendler verkraften? Die Skepsis ist berechtigt. Zeitraubende U-Bahn-Pannen sind an der Tagesordnung.

Auch deshalb blüht der zivile Ungehorsam: Ein pfiffiger Bastler bietet ein Spray feil, das den Kameras angeblich die Sicht vernebelt; ein anderer - für 150 Pfund - ein Gerät, das auf Knopfdruck ein falsches Kennzeichen über das richtige gleiten lässt.

Catherine Crawley, die Gründerin der "Sod-U-Ken"-Seite, hat schon Tausende Un- terschriften für eine Petition gesammelt. Das Papier soll das Parlament auf Trab bringen, es soll Livingstones Pläne durchkreuzen. "Ich bin Londonerin", erklärt Crawley ihr Motiv. "Warum soll ich bezahlen, wenn ich durch meine eigene Stadt fahren will?" (Frank Herrmann aus London, DER STANDARD Printausgabe 15/16.2.2003)

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