Wien-Mitte, mon amour

14. Februar 2003, 20:47
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"Kalt, brutal, unschön, weil viel zu dicht" und ... - Architekt antwortet auf "Abscheulichkeit"

In ihrer couragierten Art hat Ute Woltron das eigentliche Problem von Wien-Mitte benannt: "Die geplante Architektur ist kalt, brutal, unschön, weil viel zu dicht" und " . . . die Räder der Ökonomie haben das Projekt zerrieben und Abscheuliches ausgespien".

Endlich deutliche Worte und auch der mögliche Ansatz, die Architekturdiskussion hierzulande präziser zu machen. Man braucht fürs Erste die negativen Attribute "kalt, brutal, unschön, dicht" durch positive zu ersetzen: etwa "heimelig, freundlich, gefällig, aufgelockert". Das könnte ja schon Kriterien für gute Architektur ergeben. Fehlt vielleicht noch der saloppe Begriff "fesch", den "uwo" gern gebraucht, wenn es um schmissige architektonische Formen geht, die irgendwie auch in die Zukunft weisen.

Triebfeder Ökonomie

Wie allerdings die "Räder der Ökonomie" durch etwas ersetzt werden könnten, das nun nicht mehr "Abscheuliches" ausspeit, sondern vielleicht Anmutiges, wüsste ich nicht. Denn war nicht gerade die Ökonomie, das knapp kalkulierte Haushalten, eine der wichtigsten architektonischen Erkenntnisse des vergangenen Jahrhunderts?

"Form follows function" nur als ästhetische Anleitung zu verstehen und nicht als ökonomischen Grundsatz, würde wesentliche Erkenntnisse der Moderne zunichte machen.

Womit wir schließlich bei jener unsäglichen Investorenarchitektur angelangt sind, die aus purer Profitgier mit schlechter Architektur und überzogenen Massen unsere Städte zerstört. Eine Achse des Bösen, die sich da zwischen Politik und Kapital gebildet haben muss - wie sonst wäre das möglich? Das Vertrauen in die kontrollierenden Mechanismen der Demokratie schwindet in dieser Stadt, sobald im Einzelnen das Gefühl aufkommt, davon etwas zu verstehen.

Von Architektur verstehen Gott sei Dank alle was. Herr Lipp aus Linz erklärt die Höhe des Hilton Hotels zum Maß für Wien-Mitte, emeritierte Universitätsprofessoren entwickeln kühne Umschichtungsstrategien von Baumassen zum Westbahnhof hin, nicht wenige Bürger wollen statt alldem einen Park, "uwo" begnügt sich mit "abscheulich".

13 Jahre Diskussion

Man sollte an dieser Stelle den Hinweis riskieren, dass dieses Projekt Wien-Mitte nicht vorgestern zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und nun der überfällige Sturm von Meinungen und Vorschlägen losbricht. Nein, Wien-Mitte geht ins 13. Jahr. Es hat alle Instanzen der demokratischen Auseinandersetzung, des vorgeschriebenen Rechtswegs mehrmals durchlaufen. Es wurde mit Bürgerinitiativen und der Bezirksvertretung in zahllosen Sitzungen abgestimmt, Ergebnisse öffentlich präsentiert, vom Fachbeirat auf architektonische und städtebauliche Qualität mehrfach geprüft, das Denkmalamt immer wieder damit befasst, auf höchster politischer Ebene eingehend behandelt. Und schließlich im Konsens aller Beteiligter eine Baugenehmigung erteilt. Keine ausreichende Information, keine ausreichende fachliche Kontrolle? Alles Deppen und Gauner?

Recht ist Recht

Was dieser Standort an Architektur verträgt, wurde in einem langen und sorgfältigen Prozess geklärt und ist rechtskräftig. Ob die Innere Stadt mittlerweile zum Weltkulturerbe erklärt wurde, darf diesen Prozess nicht infrage stellen, weil er letztlich jede Rechtssicherheit und jede fachliche Integrität aller Beteiligten infrage stellt. Im Übrigen wüsste ich auch nicht, wer das Projekt architektonisch intelligenter hätte machen können. (Laurids Ortner, DER STANDARD Printausgabe 15/16.2.2003)

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    Modell des Urban Entertainment Center

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