"Fuck Tha Police!"

14. Februar 2003, 21:08
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Das Genre Gangsta-Rap als Abbild sozialer Missstände

Folgt man dem Gedanken, dass Kunst ein Abbild des Lebens ist, dann muss man Gangsta-Rap als bedauerliche Facette eines gesellschaftlichen Ist-Zustands beschreiben. Denn blickt man hinter die Kulissen und medialen Schwarz-Weiß-Malereien der so genannten "Kriege" zwischen HipHoppern der amerikanischen West- und Ostküste in den mittleren 90er-Jahren, bleibt kaum mehr übrig als die Auswirkungen einer anhaltenden Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung. Der Autor des Standardwerks Gangsta: Merchandizing the Rhymes of Violence, Ronin Ro, zieht, wenn auch detaillierter, ebenfalls diesen Schluss.

Doch Ro zeigt Verständnis für die Figur des Outlaws. Immerhin gelang es Schwarzen mit HipHop erstmals, weltumfassend in die Geldbörsen der Weißen zu greifen. Und das ohne Abstriche zu machen. Im Gegenteil. Darum ist die Anziehungskraft des schwarzen Gangsters, der nicht nur an jedem Finger drei willige Frauen der Marke "Don't talk, just be beautiful" zu Diensten hat, sondern sich auch jedem weißen Unterdrückungsversuch wortgewaltig rappend und als die sogar ökonomisch überlegene Partei zur Wehr setzen kann, als Rollenmodell für Kids aus dem Getto bis heute ungebrochen.

Begonnen hat die Geschichte schwarzer Gangs zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Der Umstand, mit dem weißen Amerika gegen einen gemeinsamen Feind zu kämpfen, brachte ein neues Selbstverständnis für viele Schwarze. Um sich gegen rassistische Überfälle wehren zu können, organisierten sich in Los Angeles erste Clubs, die, meist aus Familienmitglieder bestehend, ihre Lokale schützten. Die frühesten Black Gangs trugen Namen wie The Boozies, Goodlows oder Blogettes und erhoben erste Territorialansprüche innerhalb von Watts, einem Stadtteil, der von der Stadtverwaltung als Getto behandelt wurde und nur so viel Investition in die Infrastruktur bekam, wie notwendig war, um Aufstände zu verhindern. Den Rest besorgte eine skrupellose Polizei. Kein Wunder also, dass zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung genau dort jene "Riots" ausbrachen, die 1965 auf andere amerikanische Städte übergriffen.

Zu dieser Zeit kam es zu einer Politisierung des schwarzen Gangwesens, und nicht wenige seiner Mitglieder wurden von der militanten Black-Panther-Bewegung rekrutiert. Die beiden bis heute bestehenden und als "the most infamous" geltenden Gangs entstanden in diesen Tagen: Die Bloods wurden 1969 gegründet, ihre Gegenpartei, die Crips, formierte sich 1972. Banden, denen bald Hunderte weitere folgten und die quer durch die USA Tausende Mitglieder zählen. HipHop, eine Kultur der Straße, wurde in den 80ern zu einem kreativen Ventil des Zorns und brachte bald die ersten Stars aus den Reihen der Gangs hervor: Etwa Ice-T ("You Shoulda Killed Me Last Year", "Cop Killer") oder N.W.A. - Niggers With Attitude - ("Fuck Tha Police") und in den 90ern Rapper wie Tupac und The Notorious B.I.G., die beiden prominentesten Todesopfer der "Kriege" zwischen Ost- und Westküste.

Die perfekte Verkörperung des Gangsta-Rappers war schließlich Calvin Broadus alias Snoop Doggy Dog. Seine kriminelle Vergangenheit (Drogen, Eigentumsdelikte, Knast) bot eine "ideale" Identifikationsfläche als O. G., als "Original Gangster". Mit expliziten Texten über Sex und Gewalt verkaufte er Millionen Platten. 1995 wurde er von dem Verdacht freigesprochen, als Fahrer an einem Mord beteiligt gewesen zu sein. Sein Album The Doggfather aus 1996 gilt als letztes Aufbäumen des bis dahin prosperierenden Genres Gangsta-Rap.

Auch wenn sich meist junge Rapper immer noch in diesem Fach versuchen, künstlerisch anspruchsvoller HipHop - und dafür war Gangsta-Rap ohnehin nie allzu berühmt - findet heute längst woanders statt. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 15.02.2003)

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