Gejagt, verehrt, romantisiert

16. Februar 2003, 21:49
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Roland Girtler über Gangster in den USA und Plattenbrüder in Wien

Die Gangs, wie sie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den USA entstehen, haben ihren Ursprung in den Vierteln vor allem irischer, italienischer, jüdischer, in gewissem Ausmaß auch chinesischer Einwanderer, in den Elendsvierteln und Armenquartieren der großen Städte.

Bemerkenswerte Studien zum Thema hat Frederick M. Thrasher aus der Chicagoer Schule der Soziologie verfasst. Er analysierte zwischen 1919 und 1926 1.313 Gangs und hielt bereits damals fest, dass Gangs Ersatzlösungen für Unterschichtsjugendliche sind, die hier ihre Gemeinschaftsbedürfnisse befriedigen: Reaktionen auf soziale Missstände wie Desintegration der Familie, geringe Löhne, schlechte Lebensverhältnisse und Arbeitslosigkeit.

Das organisierte Verbrechen in den USA setzt im großen Stil mit dem Alkoholschmuggel zur Zeit der Prohibition ein. Damals wurden neben den älteren irischen Banden vor allem Gangster italienischer Abstammung wie Al Capone und Lucky Luciano reich und berühmt. Capone, 1899 in Brooklyn geboren, zog 1919 nach Chicago, wo er neuer Boss der Colosimo-Bande wurde. Schnell dehnte er seine Macht aus, kontrollierte das Glücksspiel, Nachtklubs und den Alkoholschmuggel.

Capones berüchtigste Untat war das "St. Valentine's Day Massacre": Am 14. Februar 1929 töteten Capones Leute, als Polizisten verkleidet, sechs Mitglieder der Morans-Gang sowie einen zufällig anwesenden Freund. 1931 wurde Capone wegen Steuerhinterziehung und mehrfachem Betrug angeklagt und schließlich zu 11 Jahren Gefängnis verurteilt. 1947 starb er in Florida.

Al Capone faszinierte nicht nur wegen seiner kriminellen Schlauheit, sondern auch wegen seiner Freigiebigkeit. Obwohl er zahlreiche Morde befahl oder selbst verübte, behandelte er seine Leute oft außerordentlich fair und großzügig. Nach dem großen Börsen-Crash 1929 war er der erste, der auf eigene Kosten Suppenküchen für Bedürftige eröffnen ließ.

Zur grauen Eminenz der Branche wurde Meyer Lansky, Sohn eines in die USA emigrierten jüdischen Schneiders aus Polen. Seiner Cleverness und seinen stets korrekten Steuererklärungen verdankte Lansky ein Leben in Ruhe, weshalb er in Gangsterkreisen als "Honest Meyer" bezeichnet wurde. Er starb unbehelligt am 15. Januar 1983.

Der Drogenschmuggel wurde in gewisser Weise durch Meyer Lansky insofern vorbereitet, als auch dieser auf der Form des organisierten Verbrechens beruht, wie es von Lansky konzipiert worden war. Er selbst jedoch lehnte es ab, in das Drogengeschäft einzusteigen, da er es ähnlich wie das Geschäft mit der Prostitution als "gefährlich und gesellschaftlich nicht akzeptiert" betrachtete.

Auch im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts, als die Stadt voll von Zuwanderern und in Armut lebender Menschen war, bildete sich organisierte Kriminalität heraus. Man sprach hier allerdings von "Platten", und die Gangster waren und sind Plattenbrüder. Sie hatten ihre Quartiere mit Vorliebe um den Prater und am Donaukanal, wie Emil Kläger in seinem Buch Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens (1908) schreibt. Dieses "Wanderbuch aus dem Jenseits", so der Untertitel, fällt insofern auf, als es nicht von oben herab moralisiert oder sich entsetzt, sondern mit einer Mischung aus Empathie, Reportage aus der Ich-Perspektive und nüchterner Beschreibung die Misere der Wiener Unterschicht darstellt.

Ich will hier kurz die Geschichte eines Mannes einblenden, dessen Leben mich an das amerikanischer Mafiosi erinnert. Vor über dreißig Jahren lernte ich nach einem Motorradunfall im Krankenhaus diesen damals jungen Mann kennen. Er stand am Beginn einer Karriere als Zuhälter und erzählte mir, dass er als Besatzungskind in Wien zur Welt gekommen und armselig auf der Straße in Bubenbanden aufgewachsen sei. Er war bereits damals ein richtiger Plattenbruder. In der Volksschule habe er gesehen, wie die Kinder wohlhabender Leute belegte Brote mit in die Schule von ihren Eltern bekamen. Trotz seiner Bitten gaben sie ihm, der hungern musste, nichts davon ab. Damals sagte er sich, einmal werde er reicher als sie alle sein. Und der Mann erreichte ganz im Stile amerikanischer Gangster sein Ziel. Er kam zu Geld und Macht im Kreis von Wiener Ganoven, und es gelang ihm, ein geradezu aristokratisches Leben mit Leibwächtern und feinem Ambiente zu führen. Typisch für ihn wie für viele aus seinem Milieu ist, wie wir auch anderswo gesehen haben, ein gewisses Maß an Großzügigkeit gegenüber Außenstehenden.

Gangs und Banden bauen auf alten Traditionen auf, die weit in das Mittelalter zurückreichen, als Räuberbanden Europa unsicher machten. Auch diese Banden - eine der berühmtesten war die des Schinderhannes, eines Helden der "kleinen Leute", um 1800 - rekrutierten sich aus vagabundierenden Ausgestoßenen und degradierten Individuen. Und auch sie wurden verehrt und romantisiert, ähnlich wie die Wildererbanden in österreichischen Gebirgen, über die Filme gedreht und Bücher geschrieben wurden.

Überhaupt neigt das liberale und intellektuelle Bürgertum zu einer Romantisierung des Ganoven, Gangsters oder Räubers. Im kühnen und elegant auftretenden Räuber und Gangster sieht er ein Gegenbild zur Rücksichtslosigkeit und Geldgier reicher und politisch einflussreicher Leute. Vor diesem Hintergrund sind sowohl Schillers Stück "Die Räuber" wie Filme über die Mafia zu sehen. Auch die wahrscheinlich von Freunden gelenkten Sympathiekampagnen für inhaftierte Plattenbrüder (siehe Bild unten) vermitteln noch einen Rest dieser Faszination, erst recht die mit riesigem Pomp begangenen Leichenfeiern für überführte Mörder von der Statur eines John Gotti.

Im heutigen Chicago gibt es für Besucher eine Autobustour, bei der die Stätten gezeigt werden, auf denen die Heldentaten Al Capones und anderer Gangster sich abspielten. Und vor einiger Zeit wurde ein Mafia-Kochbuch herausgebracht mit einem "echten Durchschuss". Ein Leckerbissen ist die - Capone, dem Schmissgesicht, gewidmete - "Kalbsrippe Scarface". (DER STANDARD, Printausgabe, 15.02.2003)

Der Soziologe Roland Girtler beschäftigt sich in zahlreichen Arbeiten mit Randgruppen. Zum Thema verfasste er das Buch: Randkulturen. Theorie der Unanständigkeit (Böhlau, Wien 1996). Zuletzt ist von ihm erschienen: Echte Bauern. Der Zauber einer alten Kultur (Böhlau, Wien 2002).
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