"Brena abgraz ibermorgen"

14. Februar 2003, 21:45
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Wolf Haas präsentierte im Arnold-Schwarzenegger-
Stadion "Das ewige Leben"

Graz - Es endet mit den Wundmalen unseres Heilands an den Händen von Brenner. Brenner, ehemaliger Kriminalbeamter, Privatdetektiv, Rettungsfahrer, Polizeispitzel. Auf dem Weg nach unten. Tauchschule dagegen Oberwasser. Da muss man jetzt ein wenig ausholen: Brenner legt im Alter von 13 Jahren daheim in Graz Hühnerbrust Arnold Schwarzenegger eine Derartige auf, dass in Folge aus Kompensation nichts weniger als eine Weltkarriere entsteht.

Diese mündet vier Jahrzehnte später in ein Arnold-Schwarzenegger-Stadion. Dort fliegt Brenner während einem Spiel Sturm Graz gegen Austria Wien durch eine Glasscheibe, auf der "Lustig samma Puntigamma" steht.

Brenner hat beim Watschengeben sehr wahrscheinlich alles potenzielle Unglück im Leben vom Terminator sozusagen physisch in seinem Köper aufgesogen und ist nun mit doppeltem Pech gesegnet. Mittels waghalsiger kriminalistischer Dummheit konnte er das bis zu seiner Lebensmitte hin noch verdoppeln.

Ob Selbstmord- oder Mordversuch: Das Loch im Kopf, das mit seinem Einschussverlauf den Weg der Mur durch Graz ein bisschen zynisch nachzeichnet, sorgt bei Brenner jedenfalls von Anfang an nur für unerträgliche Migräne: "Und so wie die Mur die Weinzödl-Brücke nicht mitreißt, sondern schön unten durch, so ist auch der Schusskanal elegant unter der Schläfenader durchgetaucht."

Brenner sieht deshalb auf einem Auge alles in Grün. Und auf dem anderen rot. Wenn man vor lauter Schmerz und Wut nicht mehr gescheit sehen kann, müsste man schon ein Philosoph sein, um da noch einen klaren Gedanken fassen zu können.

Der deutsche Trainer der Austria mit den Problemen punkto "Haarwuchsmittel" ist jedenfalls entsetzt, als ihm Brenner vor die Füße kugelt, und reißt die Augen gleich noch mehr auf als sonst. Immerhin hat die rechte Grazer Bürgerwehr im Kampf gegen Drogen und Ausländer den Brenner gerade als Polizeispitzel entlarvt und ihm beim Treueschwur auf ihre Vereinigung mit einem Messer eine Bibel an die Hand getackert.

Der Höhepunkt des sechsten und vom Wiener Autor Wolf Haas als letzter Teil der Brenner-Serie angekündigten Romans Das ewige Leben wird am Ende zwar nicht den Brenner zeigen, wie er als Heimkehrer aus der großen, weiten Welt ("Salzburg, Linz, alles") tatsächlich heimgedreht wird. Dafür muss aber der geschwätzige und den Leser mit Plattitüden quälende Erzähler von Brenners Unglück hier als tatsächlich auftauchende Romanfigur dran glauben. Und zwar derart, dass uns das Lieblingswort der Plaudertasche gut vierhundertmal im Ohr gellt: " . . . riesengroßes Loch und ganz gewaltig ding ding ding ding ding ding . . ."

Der Rest des mit Brenners dunkler Vergangenheit, Inzest, kriminellen Kriminalen und einem Puch-Moped etwas vollgestellten Romans besteht immer wieder aus herrlich komischen Passagen. Von denen könnten heimische Kabarettisten drei Jahre lang leben: "Du musst wissen, Handlesen, Horoskop, Feng-Shui, das sind heute weit verbreitete Krankheiten, wo man aufpassen muss, dass man sich nichts holt. Da wird viel eingeschleppt durch den Sioux-Tourismus, wo sie extra nach Amerika fliegen, damit sie den Indianern auf den Geist gehen . . ."

Das ewige Leben, ein Auftragswerk der Kulturhauptstadt Graz, spielt weniger als sonst mit der wunderbar künstlichen Umgangssprache, die Haas einst geschaffen hat. Hier geht es um das Leben als Film. Als Filmriss. Wie sagt eine Handleserin zu unserem Helden: "Brena abgraz ibermorgen." So. Und so. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Printausgabe, 15.02.2003)

Wolf Haas - Das ewige Leben
€17,90/222 S., Hoffmann und
Campe, Hamburg 2003

Diese Serie erscheint mit
finanzieller Unterstützung
von Graz 2003.
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