Ein seltsames Operndoppel

14. Februar 2003, 19:45
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Das Mariinsky-Theater an der Grazer Oper

Graz - Eine seltsame Kombination bei der zweiten Produktion des St. Petersburger Mariinsky-Theaters in Graz: eine bisher unbekannte Oper von Domenico Cimarosa, gekoppelt mit einem Hauptwerk Strawinskys, dem Opernoratorium Oedipus Rex. Was beide verbindet? Gemeinsam sind ihnen antike Stoffe und - im Formalen - die Abfolge von ariosen und chorischen Nummern und Rezitativen.

Das erste Stück heißt La Cleopatra. Es ist eine von mehreren Opern über die ägyptische Königin und ihr Verhältnis mit dem römischen Feldherrn Antonius. Die Gattungsbezeichnung "azione teatrale" darf hier aber nicht als "action" verstanden werden: Ein Nichts an dramatischer Bewegung steht hinter schier endlosen Gefühlsergüssen von Liebesschwüren, transportiert von einer hübschen Musik.

Wurde die in Petersburg ausgegrabene Cimarosa-Oper, die der im ausgehenden 18. Jh. wohl meistgespielte italienische Komponist in seinem Quinquennium am Zarenhof in und für die Hauptstadt an der Newa geschrieben hat, von Michael Agrest dirigiert, so nahm sich des Strawinsky-Werks Mariinsky-Chef Valery Gergiev selbst an. Um es umgangssprachlich zu sagen: ein Hammer.

Er erwies sich hier als überaus präziser Schlagtechniker und modellierender Musiker. An diesem Abend demonstrierten die Gäste ihre Weltoffenheit. Beide Werke wurden in die Hände des renommierten englischen Regisseurs Jonathan Miller gelegt, der einige Verlegenheit bei Cimarosa kompensierte, indem er beim Ödipus-Stück die starren oratorischen Positionen auflöste, die Protagonisten und den Chor über die Bühne wandeln lässt und selbst den Sprecher - immerhin Klaus Maria Brandauer - in die Handlung einbezieht.

Millers Landsmännin Sue Willmington hat die Kostüme entworfen, moderne Kleidung da, kuttenähnliche dort. Und es gab auch eine Zusammenarbeit mit der Grazer Oper. Ihr Balletdirektor Darrel Toulon gestaltete die Tänze in der Cleopatra-Oper, um die rein instrumentalen Partien zu visualisieren.

Kennen zu lernen waren unter anderem die sehr koloraturgewandte Sopranistin Larissa Judina als Cleopatra, die junge Mezzosopranistin Anna Kiknadse, als Antonius, der kraftvolle Tenor Oleg Balaschow als stolzer und zuletzt verzweifelter Ödipus, die Petersburger Mezzosopranistin Marianna Tarassowa als dessen Gattin (und Mutter) Iokaste, der junge (vom Orchester etwas zugedeckte) Petersburger Bassist Michail Patrenko als Kreon und der junge Tenor Wladimir Felentschak als der blinde Seher Teiresias. Sehr viel Beifall. (Manfred Blumauer/DER STANDARD, Printausgabe, 15.02.2003)

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