Die überfleißige Ärzteschaft

14. Februar 2003, 20:01
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Neben ihrer Arbeit in den Kliniken finden die Topärzte genügend Zeit für lukrative Nebenjobs - österreichweit ist ein Streit entbrannt

Graz - Es reicht. Der steirische Personallandesrat Hermann Schützenhöfen will jetzt endlich "den Sumpf trocken legen". Die Politik könne nicht länger zuschauen, wie "manche auf Kosten anderer "kassieren". Die Sache mit den lukrativen Nebenjobs der Klinikärzte müsse neu geregelt werden. Schützenhöfer unterstützt damit den öffentlichen Vorstoß des Leiters der Grazer Universitätsklinik für Chirurgie, Karlheinz Tscheliessnigg, der ein generelles Verbot für Nebenbeschäftigungen von Klinikärzten verlangt. Mediziner an Uni-Kliniken sollten sich "auf ihre beruflichen Pflichten, zu denen auch die Forschung gehört, konzentrieren", argumentiert Tscheliessnigg. Der Mediziner wirft seinen Kollegen vor, auch in ihrer Dienstzeit einträglichen Nebenjobs nachzugehen.

Einkommen aufbessern

Schützenhöfers Parteikollege, ÖVP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger, versteht die Aufregung nicht. Dass Klinikärzte auch außerhalb der Spitäler arbeiten, dagegen sei nichts einzuwenden. Rasinger im Gespräch mit dem STANDARD: "Wenn jemand anständig seine Arbeit erledigt, dann ist es wohl egal, ob er Golf spielen geht oder weiterarbeitet. Da sollte man nicht päpstlicher als der Papst sein. Es soll jedem in Österreich freigestellt sein, was er nach der Arbeit macht. Ob sich jetzt ein Polizist im Wachdienst sein Einkommen aufbessert oder ein Arzt was dazuverdient, das ist jedem sein Privatkaffee." Er sehe sogar Vorteile darin, wenn Ärzte nach dem Dienst "Erfahrungen sammeln". Rasinger: "Es stellt sich die Frage, ob nicht ein Arzt, der 70 oder 80 Stunden in der Woche arbeitet, sogar ein besserer Arzt sein kann."

Der ärztliche Leiter des Wiener AKH, Reinhard Krepler, sieht ebenfalls keinen Grund für eine Änderung der Nebenjobpraxis. Vielmehr: Bei einem Verbot seien "die Spezialisten nicht zu halten, da die Grundgehälter der Spitalsärzte zu gering seien.

Ein Verbot träfe tatsächlich eher die Topverdiener. In Graz sind etwa laut Auskunft der Medizinischen Fakultät 39 der 65 Professoren nebenberuflich tätig, also immerhin 60 Prozent. Im Mittelbau rund 42 Prozent, im vorklinischen Bereich nur noch 29 Prozent.

Der Anstoß, die Nebenjobregelung für Klinikärzte zu verbieten, kam aus Innsbruck. Die Uni Innsbruck hat dieser Tage erstmals vier Medizinern eine ärztliche Nebenbeschäftigung untersagt. Die vier Ärzte im Bundesdienst erhielten 60 - und mehr - Wochenstunden bezahlt, sie wollten aber noch zusätzlich außeruniversitär dazuverdienen. (Walter Müller, DER STANDARD Printausgabe 15/16.2.2003)

Die Professorenschaft an den Universitätskliniken ist offenbar nicht ausgelastet. Neben ihrer verantwortungsvollen Arbeit in den Kliniken finden die Topärzte genügend Zeit für lukrative Nebenjobs. Jetzt ist darüber österreichweit ein Streit entbrannt.
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