Kommentar: Übers Ziel geschossen

14. Februar 2003, 19:20
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Die geplanten EU-Regelungen für Privatkredite brächten eine weit gehende Entmündigung der Konsumenten mit sich - Von Michael Moravec

Die Pläne der EU-Kommission sind redlich: Kreditnehmer sollen in der gesamten EU nach dem günstigsten Kredit suchen können. Was bei Konsumgütern schon gängige Praxis ist, soll bald auch im Geldbereich möglich werden: Wettbewerb um bald 500 Millionen Konsumenten. Dazu sind natürlich auch einheitliche Bonitätsüberprüfungen, Beratungsrichtlinien und Zinsberechnungen nötig, um seriös vergleichen zu können.

Der Kuchen, der zur Neuverteilung ansteht, ist gewaltig: Privatkredite in der Höhe von 500 Milliarden Euro haften derzeit in der EU aus, und 65 Prozent der Verbraucher finanzieren Autos, Möbel und andere Konsumgüter über einen Kredit. In Österreich und Deutschland besonders beliebt ist dabei auch die Möglichkeit, das Konto ohne große Formalitäten oder Kreditsteuern zu überziehen. Die Banken lassen sich diese Flexibilität gut bezahlen: In Zeiten, in denen normale Raten-Kredite nur noch vier Prozent kosten, kostet ein überzogenes Konto bis zu 13 Prozent. Noch teurer kann es werden, wird das Konto über den vereinbarten Rahmen ausgenützt. Wem das zu kostspielig wird, der kann ja einen "regulären" Kredit aufnehmen und das Konto ausgleichen. Nicht zu Unrecht sehen viele Fachleute deswegen in den Überziehungen oder Dispo-Krediten eine Schuldenfalle, aus der viele Kreditnehmer nicht mehr herauskommen. Vor allem jungen Arbeitnehmern mit noch geringen Einkommen würden ohne große Überprüfungen großzügige Kontorahmen gewährt, kritisieren Konsumentenschützer.

Hoher bürokratischer Aufwand

Restriktivere Vorgaben würden hier sicher so manchen Gang zur Schuldnerberatung im Ansatz erübrigen. Doch leider plant die EU-Kommission eine Richtlinie, die deutlich zu weit geht und durch hohen bürokratischen Aufwand hohe Kosten verursacht. Die Rechnung würde, wie üblich, letztlich der Konsument bezahlen. Nach den aktuellen Brüsseler Plänen müssten die Banken nicht nur akribisch die Vermögensverhältnisse des potenziellen Kreditnehmers überprüfen, sondern auch die angegebene Verwendung des Kredites überwachen. Wird mit dem Kredit eine eher nicht notwendige Investition, etwa eine Urlaubsreise, getätigt, müsste die Bank vom Kredit eher abraten, obwohl dies gegen ihre Geschäftsinteressen verstößt. Kontoüberziehungen wären in der Praxis kaum noch möglich, da bei jeder Ausnützung des Rahmens zuvor erneut eine ausführliche Bonitätsprüfung stattfinden müsste.

Die EU-Kommission schießt mit dieser Richtlinie weit über das Ziel hinaus. Die Regelungen brächten eine weit gehende Entmündigung der Konsumenten mit sich. Immerhin sollte im Normalfall der Bankkunde in der Lage sein, zu entscheiden, ob er einen Kredit zurückzahlen kann oder nicht. Mit der Überprüfung der zweckgemäßen Verwendung des Geldes und entsprechenden Meldungen an EU-weite Datenbanken würden die Banken überdies in Privatsphären vordringen, in denen sie absolut nichts zu suchen haben. (DER STANDARD, Printausgabe 15.2.2003)

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