Mit Europa in die Welt

20. Februar 2003, 11:34
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Kopf des Tages: Der Schweizer Ernesto Bertarelli führt mit der "Alinghi" im America's Cup

Schaut ganz so aus, als würden die Schweizer jetzt echt ein Problem kriegen. Eine Ski-WM - na klar, die schaukeln sie locker. Aber was, bitte schön, tun sie, wenn sie den America's Cup im Hochseesegeln veranstalten müssen? Im Hauraki-Golf vor Auckland, wo das aktuelle Duell um die älteste Sporttrophäe der Welt steigt, führt die Schweizer Yacht "Alinghi" gegen die Titelverteidigerin "New Zealand" mit 3:0. Bloß zwei Erfolge fehlen noch, und der Cup wäre erstmals in seiner 152-jährigen Geschichte in europäischer Hand.

Schuld an der Schweizer Misere ist Ernesto Bertarelli, begeisterter Biotech-Multimilliardär und Segler. Bertarelli steht dem Alinghi-Syndikat vor und gibt gleichzeitig den Navigator, ist also im Gegensatz zu seinem neuseeländischen Widerpart, dem Software-Multimilliardär Tom Schnackenberg, mit an Bord. Und mehr als nur Passagier. Anfänglich, berichtet der 37-jährige Feschak, hätten die 15 Teamkollegen aufgeschaut zu ihm. Dann unterlief ihm in einer Herausforderer-Wettfahrt ein gravierender Fehler. "Vorher war ich Ernesto, der Chef. Seit diesem Fehler bin ich Ernesto, der Navigator."

"Sofort süchtig"

In den 70er-Jahren übersiedelte der Bertarelli-Clan von Rom an den Genfer See, und der Bub Ernesto begann sein Zimmer mit Postern populärer Segler zu tapezieren. Bald einmal gab er sich seinen ersten Törn auf hoher See. "Ich hab' mir fast in die Hose gemacht. Aber ich bin sofort süchtig geworden." Jetzt reißt es ihn hin und her zwischen Schreibtisch und Segelboot, zwischen Verantwortung und Vergnügen. 1995 hat er von seinem krebskranken Vater Fabio den Konzern Serono übernommen, der Fruchtbarkeitshormone entwickelt und verkauft. Bertarelli, verheiratet mit einem Model und Vater einer zweijährigen Tochter, steht einem Unternehmen mit 4000 Mitarbeitern, 1,4 Milliarden Euro Umsatz und 300 Millionen Euro Gewinn vor. "Ich verteile die Verantwortung auf möglichst viele Schultern. Nur so kann ich es mir leisten, so oft segeln zu gehen."

Etwa 50 Millionen Euro hat Bertarelli in den America's Cup investiert, er verpflichtete Segelstars wie den Neuseeländer Russell Coutts, der zweimal sein Heimatland zum Sieg geführt hatte, oder den dreimaligen deutschen Olympiasieger Jochen Schümann.

Der Cup ist zum Greifen nahe, noch nie hat ein Team ein 3:0 aus der Hand gegeben. Bertarelli, der vor einem Jahr als Reichster aller Schweizer noch 14 Milliarden Franken besaß, hat durch den Börsencrash zwar fast die Hälfte seines Vermögens verloren. Doch der America's Cup, sagt er, würde ihn entschädigen. "Das Leben ist zu kurz, um sich mit Enttäuschungen aufzuhalten." Und die Schweiz könnte das Heimrecht für die nächste Auflage verkaufen, Singapur und Hawaii haben schon Interesse deponiert. (DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 19. Februar 2003, Fritz Neumann)

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    Die Alinghi hält Team New Zealand auch auf der dritten Wettfahrt in Schach.

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    Eine Unzahl an Booten beobachtet das Treiben auf der Schweizer Yacht.

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    Kollektiver Jubel nach dem Überqueren der Ziellinie.

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