Warnung vor Waffeneinsatz Saddams im Innern

14. Februar 2003, 18:13
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"Wenn er mit dem Rücken zur Wand steht"

Die im Irak gefundenen Al-Samoud-Raketen stellen nach Einschätzung von Bernd Kubbig von der renommierten Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung "keine Gefahr dar". Wenn die Raketen die zulässige Höchstreichweite von 150 Kilometern ohne Gefechtsköpfe nur um wenige Kilometer überschritten, sei dies "unproblematisch", sagte der Leiter der Koordinationsgruppe Raketenabwehrforschung International zum STANDARD. Er verwies darauf, dass die britische Regierung in ihrer jüngst veröffentlichten Studie eine Reichweite von "150 plus" angebe.

Kubbig stellte am Freitag das im Campus-Verlag erschienene Buch "Krisenherd Irak" vor, in dem sich führende deutsche Experten - unter anderem von der Stiftung Wissenschaft und Politik, dem Informationszentrum Transatlantische Sicherheit und diversen Universitäten - ihre Einschätzungen abgeben.

Die Autoren kommen "zu dem Schluss, dass die mit B- und C-Waffen bestückten irakischen Raketen für die Nachbarn in der Region allein wegen der vermuteten geringen Stückzahl und der geringen Treffgenauigkeit der Flugkörper mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Massenvernichtungswaffen sind". Gleichzeitig wird gewarnt: "Wir teilen mit der CIA die Sorge, dass der Despot in Bagdad seine B- und C-Waffen gegenüber seiner eigenen Bevölkerung dann am ehesten skrupellos zum Einsatz bringt, wenn er im Falle eines Krieges mit dem Rücken zur Wand steht und keinen Ausweg mehr sieht". Im Gegensatz zu den britischen Angaben von 50 Al-Samoud-Raketen nennen die Buchautoren unter Berufung auf den deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) eine Zahl von 14.

Die deutschen Experten fordern eine Ausweitung der UN-Inspektionen. Die Zahl der Inspekteure sollte zumindest verdreifacht werden - auf 300 bis 500, fordert Kubbig. "Wenn es gelingt, Colt und Lasso als kombiniertes Droh-, Kontroll- und Eindämmungsinstrument gegenüber dem notorischen Rechtsbrecher in Bagdad umzusetzen, muss es nicht zum Krieg kommen."

Gleichzeitig räumte Kubbig ein: "Dass das Regime die Kontrollen akzeptiert und sich bisher kooperativ gezeigt hat, ist sicherlich der militärischen Drohkulisse zu verdanken, die die USA aufgebaut haben." Nach Einschätzung der deutschen Experten wäre es ein "verheerendes Signal", wenn Staaten wie Nordkorea signalisiert würde "Inspekteure nützen nichts".

Für ihn, so Kubbig, dränge sich der Eindruck auf: "Saddam muss für den nicht gefundenen Osama Bin Laden herhalten." Den USA sei es bisher nicht gelungen, eine Verbindung zwischen Al-Kaida und dem Irak herzustellen.

"Die Terroristenfrage ist die größte Täuschung. Da sind die USA alle Beweise schuldig geblieben." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.16.2.2003)

Alexandra Föderl-Schmid aus Berlin
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