Chirac zieht de Gaulles große Stiefel an

14. Februar 2003, 18:07
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Frankreich kämpft an vorderster Front gegen die Kriegspläne der USA

Offiziell gab sich US-Präsident George W. Bush diese Woche "enttäuscht" über die Franzosen. In Wahrheit, berichten US-Medien, schäume er vor Wut, dass Paris die Verweigererfront im UN-Sicherheitsrat und das Veto-Lager in der Nato anführt.

Seit den Zeiten eines Charles de Gaulle hat sich Frankreich nie mehr so frontal gegen die Supermacht USA gestellt. Beim Golfkrieg 1991 hatte der damalige Staatschef François Mitterrand aufseiten von Bush senior mitgemacht. Jetzt seien die Mittel noch nicht ausgeschöpft, meint Chirac; bei einem schlecht begründeten Angriff drohe eine noch größere Destabilisierung der Region.

"Warum gerade jetzt einen Diktator angreifen, der seit Jahrzehnten im Sessel sitzt und schon stärker entwaffnet ist als das Regime in Nordkorea?", fragen Pariser Medien. Sie verhehlen nicht einmal, dass der französische Ölkonzern TotalfinaElf ziemlich genau jene Interessen im Irak verteidigt, auf die es die US-Konkurrenz abgesehen hat.

Der 70-jährige Gaullist pocht auf die französische Unabhängigkeit. Er verwehrt sich vor allem gegen den amerikanischen Fait accompli eines Irakangriffs. Anders als die Engländer glauben die Franzosen ihrem schwindenden Großmachteinfluss Gehör zu verschaffen, indem sie sich den USA in die Quere stellen.

Dies entspricht generell einem Wiedererwachen nationaler Reflexe, das nicht nur in den USA, sondern auch in Frankreich festzustellen ist - nicht zuletzt bei der "antiglobalen" Linken, die von Chirac ein Veto im UNO-Sicherheitsrat verlangt.

Was nicht heißt, dass Paris die Bündnistreue aufkünden möchte. Im Ernstfall ist auf Frankreich zu zählen, was Chirac nun auch der Türkei klar gemacht hat. Schon de Gaulle, der einst das Nato-Kommando verließ, stellte sich als einer der Ersten auf die Seite der Amerikaner, als Berlin bedroht war oder die Sowjets auf Kuba Raketen stationieren wollten.

Keine Frage: Chirac wird sich im Bedarfsfall auch auf die Seite des "Guten" schlagen. Deshalb ist das französische Vorpreschen riskant. Es wird dann sie selber treffen, wenn sich Chirac von dem bevorstehenden Definieren der Einflusssphären im Irak selber ausschließt. Bald wird sich weisen, ob Chiracs Pokerpartie aufgeht oder ob US-Außenminister Colin Powell mit seiner Behauptung Recht behält: "Frankreich sucht unsere Isolation, erreicht aber schlussendlich nur die eigene Isolation."

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.2.2003)

Stefan Brändle aus Paris
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    Seit den Zeiten eines Charles de Gaulle hat sich Frankreich nie mehr so frontal gegen die Supermacht USA gestellt.

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