Friedenswelle fünf vor zwölf

14. Februar 2003, 18:49
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In mehr als 600 Städten sind Kundgebungen angesagt - bis zu zehn Millionen Menschen erwartet

Berlin Alexanderplatz und Wien Stephansplatz, die Place de la Bastille in Paris und die Plaza Mayor in Madrid, Haight-Ashbury in San Francisco und Midtown Manhattan in New York City - in 60 Ländern rund um den Globus sind für heute, Samstag, Kundgebungen gegen einen drohenden Irakkrieg angesagt. Es soll eines der größten zivilen Friedenszeichen aller Zeiten werden.

In mehr als 600 Städten könnten bis zu zehn Millionen Menschen auf die Straßen gehen. Antiamerikanische Ausschreitungen werden befürchtet, offizielle Vertretungen der USA werden überall hermetisch abgeriegelt.

Die größten Kundgebungen werden in London, wo das Grünflächenamt den Hyde Park für eine Demo freigegeben hat, und in Rom erwartet. In beiden Städten rechnen die Veranstalter mit jeweils einer Million Kriegsgegnern.

Rom besetzen

Italienische Pazifisten wollen über acht Stunden lang die Innenstadt in Rom besetzen. Die Antikriegsdemonstration wird in Italien aktiv von der oppositionellen Mitte-links-Allianz und den Gewerkschaften unterstützt. Sie kritisieren die stark US-freundliche Linie des italienischen Regierungschefs Silvio Berlusconi, dem sie "Hörigkeit" gegenüber dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush vorwerfen. Berlusconi wiederum unterstellte den Pazifisten, das Spiel des irakischen Machthabers Saddam Hussein zu unterstützen. "Unsere Demonstration ist keine Solidaritätskundgebung mit Saddam Hussein, wir wollen uns für die Rechte des irakischen Volks einsetzen, dem Leid und Tod erspart bleiben müssen", betonte hingegen der Sprecher der italienischen No-Global-Bewegung, Vittorio Agnoletto.

Die italienische Gruppierung "Un Ponte per ...?" (Eine Brücke für ...?) organisiert auch eine Demo direkt in Bagdad. Die Kundgebung soll vor dem Hauptgebäude der UNO stattfinden. Das Areal rund um das Gebäude der Vereinten Nationen in New York hingegen soll für Demonstranten tabu bleiben. Richterin Barbara Jones entschied, dass das Sicherheitsrisiko aufgrund der 100.000 erwarteten Teilnehmer zu groß sei.

Die weltweite Mobilmachung für den Frieden wird sowohl von links- als auch rechtsextremen Gruppierungen als Vehikel für US-feindliche Postulate genützt. In Frankreich etwa sagte Jean-Marie Le Pen von der rechtsextremen Front National: "Es ist nicht zu spät, diese infernalische Maschine aufzuhalten, die den Frieden in der Welt bedroht."

In Deutschland sorgte Freitag noch die Bitte von Kanzler Gerhard Schröder an seine Kabinettskollegen, nicht an einer Friedensdemonstration teilzunehmen, für Diskussionen. Nicht nur Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) und Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) gaben Schröder einen Korb, auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) sowie Spitzenpolitiker der Grünen und der PDS wollen mitmarschieren.

In Österreich erwartet die Polizei rund 10.000 Teilnehmer an der vom "Austrian Social Forum" organisierten Kundgebung. Auch hier unterstützen zahlreiche Gruppierungen, Politiker und Religionsvertreter den Friedensaufruf. Und auch hier will man Engagement nicht als Schutz für Saddam Hussein missverstanden wissen. "Wer sonst als wir Europäer wissen, was Krieg bedeutet. Wir haben Not, Elend, Zerstörung, Hass und Feindschaft hinter uns gelassen und zu einer Gemeinschaft gefunden. Krieg ist nichts anderes als das Eingeständnis der politischen Niederlage", appelliert der Präsident der Volkshilfe Österreich, Josef Weidenholzer.

Beten in Wien

Im Wiener Stephansdom findet fünf vor zwölf eine ökumenische Gebetsstunde für den Frieden statt. Der Protestmarsch gegen den Krieg führt ab 14 Uhr vom Westbahnhof über die Mariahilfer Straße zum Stephansplatz. Von dort ist am Nachmittag noch ein Protestmarsch zur US-Botschaft geplant. (simo/DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.2.2003)

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    In London und Rom rechnen die Veranstalter mit jeweils einer Million Kriegsgegnern

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