Gegen Krieg UND Diktatur

14. Februar 2003, 17:23
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Wer gegen Bush protestiert, ohne gleichzeitig für den Sturz Saddams einzutreten, macht sich zum Komplizen der Tyrannei - Botschaft eines Kriegsgegners an die Friedensbewegung anlässlich des "Großkampftages" der internationalen "No War"-Community - ein Kommentar der anderen von Anthony Barnett

Wogegen sich der Widerstand richtet, ist klar: Die US-Administration drängt auf Krieg, ohne Rücksicht auf das Internationale Recht und die Vereinten Nationen. Die leichtfertige und blindwütige Propagierung eines Präventivkrieges der Bush-Administration hat die Protestbewegung in Gang gesetzt. Es gibt aber auch eine Gefahr für die Friedensbewegung - nämlich das sie genau so kopflos und voreingenommen agiert wie die Bush-Administration.

Die britische Friedensbewegung etwa wird offenkundig von Leuten angeführt, die einen raschen Sturz Saddams als ihre persönliche Niederlage werten würden. Auf die Art bringt man natürlich jede Friedensbewegung zum Verstummen - just dann, wenn man sie am meisten brauchen würde. Denn unmittelbarer Anlass für den Protest sind natürlich die zu befürchtenden Opfer und mögliche Eskalationen innerhalb und außerhalb des Irak. - Was aber, wenn der Krieg erfolgreich verläuft, Saddam rasch abgesetzt wird und Licht in seine Folterkammern fällt? Wäre es dann plötzlich falsch gewesen, gegen die Invasion zu opponieren?

Ich glaube nicht, denn man kann wohl davon ausgehen, dass die USA solch einen Erfolg dazu benützen werden, weitere Stützpunkte im Nahen Osten zu schaffen, um Sharon zu unterstützen, den Iran ins Visier zu nehmen und so immer mehr ihre Vormachtstellung in der Region auszubauen. Diese "Achse-des-Bösen"-Strategie ist der eigentliche Wahnsinn, nicht die aktuelle Zielsetzung Amerikas im Irak.

Wie kann die Friedensbewegung nun solchen Ambitionen nach einem erfolgreichen Krieg entgegentreten, wenn es nicht rechtzeitig im Vorfeld mit der irakischen Opposition für die Befreiung des irakischen Volkes zusammenarbeitet? Die Sprache des Friedens benötigt langfristig überzeugende Argumente, kein rhetorisches Geschwafel. Friedenspolitik muss auf Realismus und Menschlichkeit basieren. Die plumpen antiamerikanistischen Tiraden, in denen sich leider nicht wenige Aktivisten gefallen, sind dagegen nur eine Spielart genau jenes Schwachsinns, den sie den professionellen Politikern vorwerfen. Beides sind Attitüden. Und keine von beiden taugt zu einer seriösen Auseinandersetzung mit der Realität. In ihrem letzten Aufruf zur Teilnahme an der Demo am 15. Februar titelte die britische "Stop the War"-Koalition "Don’t attack Irak", - und darunter die Parole "Freiheit für Palästina" - nicht aber "Freiheit für die Iraker". Genau darin liegt das Problem: Die Friedensbewegung darf sich nicht darauf beschränken, die USA zu denunzieren, sie muss mit der irakischen Opposition zusammenarbeiten. Sie muss sich mit intelligenten Amerikanern, die den Krieg befürworten, auseinandersetzen, sie muss argumentativ überzeugen und zugleich den Protest verkörpern.

Die Bush-Administration mag noch so "schurkisch" sein, wie viele meinen, aber der Feind unseres Feindes ist noch lange nicht unser Freund. Wir müssen uns unsere Verbündeten selbst suchen und sie uns nicht von der US-Regierung vorschreiben lassen. Wer Saddams Diktatur nicht kritisiert, macht sich zu seinem Komplizen. Das ist untragbar. Und im Vergleich ist Saddam schließlich immer noch um einiges schimmer als Bush, mag letzterer auch mächtiger und derzeit auf dem Kriegspfad sein.

Daher: Eine Friedensbewegung, die diesen Namen verdient, muss auch am Sturz Saddam Husseins arbeiten. Das ist die Grundvoraussetzung für eine glaubwürdige Opposition zur Strategie des Weißen Hauses.

*Der Autor

Anthony Barnett ist Herausgeber des Online-Magazins "openDemocracy" eines der renommiertesten virtuellen Meinungsforen der USA
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