Nach Blix-Rede: Entspannung an den Börsen

14. Februar 2003, 18:41
posten

Kriegsgefahr für Händler und Analysten vorerst gesunken - "Krisen-Anlagen" Gold und Renten geben nach

Während die Preise der als "sichere Häfen" in Krisenzeiten geltenden Anlageformen Gold und Renten abgaben, kletterten die Aktienkurse an den Börsen in Amerika und Europa zwischenzeitlich kräftig in die Höhe. Der im Zuge einer steigenden Kriegsgefahr stets anziehende Preis für Rohöl gab nach. Händler und Analysten werteten die Aussagen Blix' als Hinweis darauf, dass die Vereinten Nationen (UNO) nun einem Angriff auf Irak zunächst nicht zustimmen wird. Blix hatte Irak zwar Verstöße gegen UNO-Resolutionen vorgeworfen, jedoch auch auf Verbesserungen der Zusammenarbeit verwiesen.

"Optimismus"

"Es scheint sich einiger Optimismus breit zu machen", sagte Lex Werkheim, Fondsmanager bei Eureffect. "Investoren verkaufen seit Wochen vor diesem Bericht, und jetzt kaufen sie wieder, weil das Szenario rosiger geworden ist als erwartet." Ähnlich interpretierte Geldmanager Timothy Ghriskey den Bericht des UNO-Waffeninspekteurs: "Blix deutet an, dass es nur kleinere Verletzungen der UNO-Resolution gegeben hat, und dass diese abgeschafft wurden. Das deutet darauf hin, dass die UNO nicht für eine gemeinsame Invasion Iraks stimmen wird."

Blix warf Irak in seinem Waffenkontrollbericht erneut vor, gegen die UNO-Auflagen verstoßen zu haben. Er äußerte sich allerdings nicht dazu, ob dies einen "schwerwiegenden Bruch" der UNO-Auflagen darstelle. Für den Fall eines solchen Bruchs droht die bestehende UNO-Resolution "ernsthafte Konsequenzen" an, was von den USA und Großbritannien bereits als Rechtfertigung für einen Militärschlag interpretiert wird. Dem Bericht zum Stand der Waffenkontrollen in Irak im UNO-Sicherheitsrat war entscheidende Bedeutung für die Frage beigemessen worden, ob der Konflikt noch gewaltfrei beigelegt werden kann oder ob es zu einem Krieg kommt.

Börsen mit Gewinnen

Trotz anhaltender Unsicherheiten über den weiteren Fortgang im Irak-Konflikt sahen Händler und Analysten in der Blix-Rede Indizien, dass die Kriegsgefahr zumindest vorläufig gesunken sein könnte. Der Weltleitindex Dow-Jones der New Yorker Wall Street zog bereits während der Rede an und baute seinen Gewinn auf zeitweise 1,4 Prozent aus. Die Technologiebörse Nasdaq stieg zwischenzeitlich um 1,6 Prozent. Im weiteren Handelsverlauf verloren die US-Börsen ihre Zugewinne aber wieder, an der Wall Street gerieten die Kurse sogar ins Minus.

Auch in Europa legten die Aktienkurse kräftig zu. Der Deutsche Aktienindex (Dax) sprang zwischenzeitlich auf ein Plus von rund fünf Prozent in die Höhe, gab anschließend aber wieder auf Plus 2,8 Prozent ab. Damit lagen die deutschen Börsen aber immer noch über den Notierungen, die vor der Präsentation der Waffeninspekteure verzeichnet worden waren. Der französische Leitindex CAC-40 notierte am Abend mit 2,5 Prozent im Plus, während der Leitindex FTSE der Londoner Börse 1,1 Prozent zulegte. Der Stoxx-Index der 50 wichtigsten Werte aus Westeuropa stieg um 1,9 Prozent. In den vergangenen Wochen hatte die Furcht vor den Folgen eines Krieges die Aktienmärkte stark belastet.

"Blix sagt, dass sie ohne große Probleme Zugang (bei ihren Waffenkontrollen in Irak) bekommen haben", sagte Analyst Mark Donahoe von US Bancorp Piper Jaffray. "Vielleicht denken manche, dass es nun keinen Krieg gibt." Ein Frankfurter Händler ergänzte: "Es wurde vorher massiv verkauft und auf ein negatives Signal gewartet, und das Signal kam jetzt nicht."

Gold- und Ölpreis fallen

Entgegengesetzt zu den Aktien sanken die Kurse von Edelmetallen und festverzinslichen Papieren, die als in Krisenzeiten gesuchte Anlageformen gelten. Die Feinunze Gold fiel nach der Blix-Rede im europäischen Handel unter den Preis von 350 Dollar nach 357,25/358,00 Dollar zum Vorabendschluss in New York. Der Preis für ein Barrel Öl der marktführenden Nordsee-Ölsorte Brent zur Lieferung im April sank um 19 Cent auf 32,27 Dollar. Am Vormittag hatte es in der Spitze noch 32,70 Dollar gekostet.

An den Devisenmärkten erholte sich zwischenzeitlich der Kurs des Dollar. Händler vermuteten, auf der Grundlage der Präsentation der Inspekteure dürfe sich nur schwer ein Beschluss für einen Angriff auf Irak herbeiführen lassen. Am Abend wurde der Euro für knapp 1,08 Dollar und damit wieder in etwa auf dem Niveau wie vor dem Beginn der Sitzung des UNO-Sicherheitsrates gehandelt. (APA/Reuters)

Zum Thema

Irak-Krise
derStandard.at/politik

Aktuelle Marktberichte

Share if you care.