Wenn die Atemnot auf die Psyche drückt

19. Februar 2003, 11:17
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Muskeltraining hilft gegen Depressionen bei chronischen Bronchialkrankheiten

Bochum - Atemnot kann auch auf die Psyche drücken: Viele Patienten mit chronisch obstruktiver Bronchitis (COPD) leiden unter Depressionen. Neben ständig verstopften Bronchien, erweiterten Lungenbläschen und niedrigem Testosteronspiegel gehören Schlafstörungen, Entschluss- und Arbeitsunfähigkeit sowie Libidoverlust zu den Begleiterscheinungen dieses Volksleidens.

Jetzt gibt es neue Hoffnung: Mit gezieltem Muskelaufbautraining können die Patienten ihren psychischen Zustand deutlich verbessern, wie eine Studie der Ruhr-Universität Bochum ergab.

Training regt Testosteronproduktion an

Bereits nach dreimonatigem Muskelaufbautraining ermüdeten die Patienten nachweisbar nicht mehr so schnell, berichtet der Sportwissenschafter Jörn Uhrmeister. Das Training rege die Testosteronproduktion an und lasse die COPD-Kranken Stress besser bewältigen.

Die Patienten geben sich nach Angaben des Experten nicht mehr die Schuld an ihrer Krankheit, setzen sich intensiver mit ihrem Leiden auseinander und entwickeln Strategien, um die Beschwerden in den Griff zu bekommen. "Stress kann durch die intensive Beschäftigung mit dem eigenen Körper sensibler wahrgenommen und Angst mit anderen Maßstäben beurteilt werden", erklärt Uhrmeister.

Krankheitszeichen werden bagatellisiert

Die chronisch obstruktive Bronchitis gehört zu den relativ wenig bekannten Volksleiden und wird "von der Bevölkerung leider nicht als ernst zu nehmende Erkrankung anerkannt", wie der Essener Allgemein- und Sportmediziner Thomas Hausen beklagt. Die Krankheitszeichen würden häufig bagatellisiert, geleugnet oder unterdrückt.

Dabei werde vergessen, dass sich COPD erst jenseits des 40. Lebensjahres bemerkbar mache und es bis heute keine Möglichkeit gebe, eine bereits erfolgte Einschränkung der Lungenfunktion rückgängig zu machen. Hausen rät daher jedem, der regelmäßig mehr als einmal im Jahr eine eitrige Bronchitis hat, eine chronische Erkrankung der Atemwege in Betracht zu ziehen.

In Österreich 400.000 Menschen betroffen

In Österreicher leiden laut Statistik 400.000 Menschen an COPD. Die Dunkelziffer wird von der COPD-Liga Österreich sogar auf das Doppelte geschätzt. Prozent davon sind Raucher. Weltweit sind sechshundert Millionen Menschen betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass COPD bereits 2020 die dritthäufigste krankheitsbedingte Todesursache sein wird.

Hauptgrund für die bedrohliche Entwicklung ist nach Angaben der Experten die Zunahme des Zigarettenrauchens, das als größter Risikofaktor für diese Krankheit gilt. Die Krankheit beginnt mit vermehrter Schleimbildung in der Lunge. Deren Flimmerhärchen können wegen der Schädigung der Bronchialschleimhaut den überschüssigen Schleim nicht mehr abtransportieren. Das zähe Sekret muss daher abgehustet werden.

Bronchien dauerhaft verengt

Später sind die Bronchien dauerhaft verengt. Die Patienten leiden unter massiver Atemnot und schonen sich im Laufe der Jahre körperlich immer mehr. Dadurch nimmt die Belastungsfähigkeit dramatisch ab. Alltägliche Tätigkeiten wie Kochen, Spazierengehen und Treppensteigen werden zur Qual.

Erster und wichtigster Bestandteil einer Therapie ist der absolute Rauchverzicht. Spezielle Medikamente zur Erweiterung der Bronchien und zur Bekämpfung von Entzündungen sollen ebenso zu einer freieren Atmung verhelfen wie körperliches Training, Atemübungen und gesunde Ernährung.

Lebensqualität steigern

Hausen rät auch zu vorbeugenden Schutzimpfungen gegen Grippe-Viren und Pneumokokken. All dies kann zwar die Schädigung der Lunge nicht mehr vollständig rückgängig machen, aber zumindest das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und die Beschwerden lindern.

Vor allem aber kann es die Lebensqualität wieder steigern, wie Hausen betont. Diese sinke auch deshalb so drastisch, weil viele Patienten sozial isoliert seien. Denn die Krankheitszeichen der chronisch obstruktiven Bronchitis beunruhigten die Umgebung mehr als den Geschädigten, sagt der Facharzt: "Huster werden gemieden." (APA/AP)

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