Das erfundene Belgien

13. Februar 2003, 19:43
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Ilse Aichingers 59. unglaubwürdige Reise führt ins Land der Spitzenklöpplerinnen, "Schaumbrauorgien" und Fleischkeller

Von Georges Simenon habe ich alles Erreichbare gelesen, oft auf den Zugfahrten durch sein Belgien nach London, beim Warten in Oostende. Sein Belgien? "Es gibt kein Belgien" - eine Ankündigung in einem Reiseführer: verlockend, ärgerlich oder halbwegs hilfreich? Sie trifft den Reisenden vor der Fahrt durch Belgien da, wo er im Augenblick ist: fern von sich, außer sich oder bei sich, gut gelaunt oder wenig neugierig. Ich traute Belgien seit dieser Behauptung einiges zu, den Belgiern, ihrer Landschaft, ihrer Geschichte und ihren Gewohnheiten.

Nichts konnte abschrecken, nicht einmal die Niederlassung der Stahlkonzerne in Huy oder Liège oder die Natur am laufenden Band, die dem Reisenden durch das Zugfenster zugemutet wird, kein Brauchtum, keine Blutprozession und keine bunte Fröhlichkeit. Nur der Stellungskrieg mit Kampfgaseinsatz schon 1915 jagten mir vorerst Schrecken ein. Abschreckend auch "hochwertige traditionelle Spiele" wie das Holzscheibenrollen mit einer Zielrose in der Mitte einer Zementwand und die Drohung, das Spiel würde so lange fortgesetzt, bis alle Scheiben im Inneren des Zieles seien.

Beruhigend die seltenen Windmühlen, Spitzenklöpplerinnen oder Biermuseen, "Schaumbrauorgien", Vogelmärkte, Fleischkeller. Verlockend sogar die niedrigen Wassertemperaturen am breiten Sandstrand.

Besonders genau erinnere ich mich an eine der letzten Rückfahrten von London nach Wien. Im Abteil noch gut gelaunte junge Deutsche, wir unterhielten uns eine Weile lang ganz gut. Eine unauffällige Passkontrolle hatten wir überstanden, als zwei belgische Zollbeamte durchkamen. Sie wirkten gehetzt, streng und trugen hohe sandfarbene Mützen.

Eine der jungen Deutschen, die schon seit London vergnügt und grundlos lachten, hörte nicht damit auf. Sie wurde aus dem Zug geholt. Der Zollbeamte des von Napoleon erfundenen Landes fühlte sich nicht ernst genommen. Seit damals setze ich lieber voraus, dass es Belgien gibt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.2. 2003)

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