Ein Krieg für Mr. Bin Laden?

13. Februar 2003, 19:41
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Kommentar der anderen: Über die von der Bush-Administration erhofften politischen Folgen eines militärischen Eingreifens im Irak und dessen mögliche unerwünschte Nebenwirkungen

Im Bemühen, das Regime Saddam Husseins zu stürzen, stützt sich die Bush-Regierung auf zwei entscheidende Argumente. Zum einen wird suggeriert, dass der nächste Irak-Krieg eine Weiterführung des militärischen Vorgehens gegen den Terrorismus sei und Amerika und die Welt davor bewahren würde, "dass Massenvernichtungswaffen in die Hände von Terroristen fallen könnten".

Zum zweiten versprechen Bush & Co., dem Irak die Demokratie zu bringen und damit eine Neuordnung der ganzen von autoritären Staaten dominierten Region einleiten zu können - womit zugleich dem islamistischen Extremismus die Grundlage entzogen wäre.

Die Herren Bush, Rumsfeld, Cheney und Wolfowitz gefallen sich darin, als Realisten in Erscheinung zu treten. Doch wie realistisch sind solche Überlegungen? Stützen sie sich auf eine nüchterne Einschätzung der verwickelten Realitäten im Irak und in der Region? Oder lassen sie sich von Ideologie und Wunschdenken treiben? Wird ein Krieg gegen den Irak den USA in ihrem Kampf gegen die Terroristen helfen oder wird er die Amerikaner noch verwundbarer machen?

Wunschdenken ...

Verzweiflung und Abneigung haben sich in der jüngeren Generation der Araber, die über 50 Prozent der Bevölkerung in der Region stellt, breit gemacht. Die politische Unterdrückung und das Schweigen der arabischen öffentlichen Meinung sollte Amerika und seine arabischen Verbündeten beunruhigen und nicht in Sicherheit wiegen, bedeutet es doch, dass die Öffentlichkeit keine Möglichkeit hat, ihre Interessen, Forderungen und Frustrationen in friedliche Bahnen zu lenken. Eine Irak-Invasion der USA mit vielen Opfern unter der Zivilbevölkerung würde dieses Gefühl der Ohnmacht und der Schikane, das die arabische Jugend empfindet, noch vertiefen und ihre Bereitschaft fördern, Gruppierungen beizutreten, die wie Al Qaida zum heiligen Krieg aufrufen.

Wohl nicht zufällig haben in den letzten Wochen Al Qaidas Propaganda-Botschaften zunehmend auf die Irak-Krise Bezug genommen. Die Organisation versucht offenbar, aus dem nahenden Krieg Nutzen zu ziehen, indem sie sich als Verteidiger des irakischen Volks neu zu profilieren versucht, und findet dabei ein aufnahmebereites Publikum.

Den US-Beamten ist anscheinend auch überhaupt nicht bewusst, wie schwierig, kostspielig und langwierig es sein wird, im Irak eine friedliche Ordnung und eine funktionierende Demokratie zu schaffen. Insbesondere fehlt das Verständnis dafür, wie tief verwurzelt im Irak die Verbundenheit mit Sekten, Stämmen und Ethnien ist.

Ansatzpunkte für eine tragfähige politische Ordnung - geschweige denn für eine Demokratie - existieren im Irak derzeit nicht. Seit Beginn der Militärherrschaft im Jahr 1958 haben nach einander verschiedene Regimes die Iraker unterdrückt und terrorisiert und das Land durch militärische Abenteuer ausgeblutet. Dabei hat die Bevölkerung jeglichen Glauben an das politische System verloren und sich dem Sippenwesen und der religiösen/ethnischen Absonderung zugewandt. Die Zivilgesellschaft wurde zerschlagen und der Mittelstand dezimiert - was nicht zuletzt auch auf die Wirtschaftssanktionen zurück zu führen ist, die seit 1991 unter Führung der UNO durchgesetzt worden sind.

Natürlich ist es nicht unmöglich, das politische System im Irak zu verbessern und zu demokratisieren. Das Land verfügt über ausreichende menschlichen und materielle Ressourcen, die sich auf lange Sicht zugunsten der Demokratie auswirken sollten. Aber Demokratie kann dem Irak nicht von einer auswärtigen Macht aufoktroyiert werden. Nur die Iraker selbst können, mit internationaler Hilfe, ihr Land umgestalten. Und diese Aufgabe verlangt Zeit, Geduld, harte Arbeit und Glück.

Sie wird wahrscheinlich ein oder zwei Jahrzehnte in Anspruch nehmen und nicht gerade ein oder zwei Jahre, wie das amerikanische Militär den zeitlichen Rahmen für seine Anwesenheit im Irak nach dem erwarteten Sturz Husseins veranschlagt. Nur wenn Amerika bereit ist, die neue Ordnung über viele Jahre polizeilich zu beaufsichtigen und riesige politische und wirtschaftliche Mittel zu investieren, um dem Irak beim Wiederaufbau seiner staatlichen Ordnung zu helfen, besteht eine realistische Chance, dass das Land nicht zerfällt und im Chaos versinkt.

... und Realität

Gibt es diese Bereitschaft nicht, wird zu einer Destabilisierung der Nachbarstaaten und zur Bildung neuer Dschihad-Gruppen kommen. Und das bedeutet: Es wird dann nicht nur keinen Frieden und keine Demokratie im Irak geben, sondern: Die Sicherheitsinteressen des Westens werden schließlich noch gefährdeter sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 14.2.2003)

von Fawaz A. Gerges
Der Autor ist Professor für Nahost-Studien am Sarah Lawrence College und Verfasser des demnächst bei Cambridge University Press erscheinenden Buches "Die Islamisten und der Westen" Project Syndicate; Übersetzung: H. Böttiger
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