Ruppige Busfahrt im Park der Emotion

13. Februar 2003, 19:34
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Die Wiener Symphoniker im Musikverein

Wien - Les extrêmes se touchent, sagen der Franzose und die Französin, und wo sie Recht haben, da haben sie Recht. Dem gemeinen Menschen kann sich die Sinnhaltigkeit dieses Spruchs in dem Augenblick eröffnen, in dem er einer an und für sich ganz und gar misslungenen Unternehmung teilhaftig wird, diese aber - eben aufgrund ihrer einzigartigen, unbeirrbaren Meisterschaft im Fehlerhaften - auf seltsame Art faszinierend findet.

Krzysztof Penderecki hat am Mittwoch die Wiener Symphoniker dirigiert, im Zyklus "Die Große Symphonie", im Wiener Musikverein. Es gab zuerst die Weber-Ouvertüre Die Beherrscher der Geister, ein gewinnendes Werk. Darauf folgte die sechste Symphonie Dimitrij Schostakowitschs, ein meisterhaft komponiertes, originelles Stück auch dies. Kraft, Bögen, Farben, Melodramatik, Lyrik und Zauber wohnen den Tönen des Russen inne, man meint, wenn man das Stück hört, ihn und seine Zeit mit Händen bzw. Ohren förmlich greifen zu können.

Da störte es auch gar nicht, dass die Symphoniker ein bisschen lauwarm, faserig und grau daherkamen und Penderecki die beiden Werke weniger dirigierte, als geschehen ließ. Wie ein ruppig-ruhiger Buschaufeur kurvte der bald 70-Jährige mit seinen musizierenden Passagieren durch die klingenden Emotionsparks Schostakowitschs, gemächlich und routiniert auf die Hörenswürdigkeiten linker und rechter Hand verweisend.

Bach bis Boulez

Und dann dirigierte Krzysztof Penderecki Krzysztof Penderecki, nämlich dessen Symphonie Nr. 5. Es begann mit nervenden Orgeltönen, garniert mit pseudoheroischen Passacagliae, gefolgt von kakofonischem Gekreische plus Clustrigem. Man begriff: Da wollte ein Mann zeigen, dass er von Bach bis Boulez alles draufhat, dabei hier leider kein Händchen und kein Sinnchen besaß fürs Dramaturgische.

Und so saß man also da und war sich sicher: Mehr Hohlheit, mehr sinnentkernte Dramatik, mehr Klamauk war nie. Also: schrecklich. Und: wunderbar.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2003)

Von Stefan Ender
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