Wahn und Wirklichkeit: Viele Maler in einer Brust

13. Februar 2003, 19:48
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Carl Fredrik Hill in der Bawag Foundation in Wien

Sieben Gemälde und 77 Zeichnungen von Carl Fredrik Hill dokumentieren in der Bawag Foundation in Wien das verstörende, visionäre Talent einer künstlerischen Ausnahmeerscheinung.


Wien - Was ist heute schon "normal"? Solche Frage stellt sich nicht nur der Berlinale-Besucher anlässlich der Filmthemen, sondern auch der Kunstmensch in Zusammenhang mit der Kategorisierung von "normalen Künstlern", "Kranken als Künstlern" oder ausgebildeten Künstlern, die später krank wurden.

Zu Letzteren zählt die Fachwelt Carl Fredrik Hill (1849-1911), dessen Werk, obwohl vor über 100 Jahren entstanden, wesentliche künstlerische, oft divergierende Stile des 20. Jahrhunderts vorweggenommen hat: Hill verwendete die Frottage, Elemente der "écriture automatique", der Konzeptkunst.

Seine in einem Zug mit Tusche gezeichneten skurrilen Figurengruppen lassen manche Picasso-Arbeiten verblassen, die Architekturzeichnungen suchen ihresgleichen. In den Kohlearbeiten nimmt er expressionistische Züge vorweg, auch Baselitz schaut heraus. Allein die symbolistischen Pastellkreiden-Bilder fallen etwas ab.

Von Künstlern wie etwa Per Kirkeby war der Schwede wiederentdeckt und geschätzt worden, die Wiener Ausstellung in der Bawag Foundation regte der kürzlich verstorbene Maler Walter Navratil an. Dessen Vater, der Psychiater Leo Navratil, würdigte den "Außenseiter" in seiner in den 70er-Jahren erschienenen Studie Zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Die Zahl 777, Titel der Schau, spielt auf Zahlenmagie an - jedoch "distanziert und spielerisch", wie die beiden Kuratoren Björn Springfeldt und Kay Heymer versichern - und auf die vom Kunstmuseum Malmö ausgeliehenen 77 Zeichnungen und sieben Landschaftsgemälde.

Letztere sind als Einzige datiert, stammen aus der Zeit vor dem Ausbruch der Psychose und der Schizophrenie Hills, die ihn die letzten 28 Jahre seines Lebens unter der Obhut von Schwester und Mutter in seinem kleinen Zimmer (zeichnend) gefangen nahm und gleichzeitig befreite.

Zahlenkolonnen des übermächtig erscheinenden Vater, eines hypergenauer Mathematikers, integriert der Sohn in die undatierten, wegen ihrer Stilpluralität auch undatierbaren Zeichnungen. Gegen den Widerstand des Vaters hatte sich Hill übrigens in Frankreich zum Landschaftsmaler ausbilden lassen. In der freien Interpretation der an der Ecole de Barbizon orientierten Freiluftbilder und vor allem der Thematik erkannte der deutsche Impressionist Max Liebermann früh die Reife und die Gefahr von Hills Kunst, warnte ihn in einem Brief davor, noch stärker in der Art fortzufahren, da er sonst wahnsinnig werden würde.

Das Schaffen rein auf den offensichtlichen Vaterkonflikt zu reduzieren wäre jedoch genauso billig wie nur auf die Schizophrenie. Was der Nach- welt bleibt, ist ein verstörendes, aktuelles und modernes Werk.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2003)

Von
Doris Krumpl

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bawag- foundation.at

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