Rilke und seine Mutter

14. Februar 2003, 13:58
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aus der Serie: Idyllen, die es niemals gab ... "Hätt' ich doch eine Mutter besessen, so im tiefsten Grunde mühefroh und mühefromm."
(Rainer Maria Rilke)

Paris, Spätherbst 1913. Mansardenzimmer. Im Bühnenvordergrund an einem Schreibtisch der Dichter Rilke. Im Bühnenhintergrund, bügelnd, eine ältere Frau in Filzpantoffeln und einer bunt gemusterten Kleiderschürze: Rilkes Mutter.


RILKE (dichtend): Tränen, Tränen, die aus mir brechen -
RILKES MUTTER: Schneuz dich!
RILKE (schneuzt sich): Mein Tod, Mohr, Träger / meines Herzens, halte mich schräger, / dass -
RILKES MUTTER: Halt dich grad!
RILKE (richtet seinen Oberkörper auf): Dass sie abfließen. Ich will sprechen.
RILKES MUTTER: Wart, bis du am Wort bist.
(Pause)
RILKES MUTTER: Jetzt.
RILKE: Schwarzer, riesiger Herzhalter. / Wenn ich auch spräche, / glaubst du denn, dass das Schweigen bräche?
(Pause. Rilke blickt verstohlen zu seiner Mutter.)
RILKE (leise): Biege mich, Walter.
RILKES MUTTER: Dicht richtig!
RILKE: Diesmal hätte ich gewettet, dass du nichts merkst.
RILKES MUTTER: Eine Mutter merkt alles. Weiter.
RILKE: Wiege mich, Alter.
RILKES MUTTER: Gut. Und jetzt ab ins Bett.
(Rilke ab.)
(Vorhang) (DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2003)

Material: Rainer Maria Rilke: "Tränen, Tränen, die aus mir brechen", Paris, Spätherbst 1913
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