"Wir dachten schon, das ist der Sieg!"

13. Februar 2003, 20:24
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Peter Hein und die 80er-Veteranen Fehlfarben gaben in Wien ein umjubeltes Comeback- Konzert ... und bemühten sich um alten Zorn

Peter Hein und die deutschen Punk- und Neue-Deutsche-Welle-Veteranen Fehlfarben ("Es geht voran") bemühten sich bei ihrem umjubelten Comeback-Konzert im Wiener Flex um alten Zorn. Ein Rührstück in Sachen angewandter Pessimismus: Sieh nie nach vorn!


Wien - "Was ich haben will, das krieg' ich nicht, und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht!" Gegen diese erschreckend zeitlose Klage über ein Leben, das im Elend deutscher Plattenbauten, Mar- ke "real existierender Kapitalismus" mit Dieter-Thomas Heck und Dallas als Feindbildern und der RAF als heimlichem Helden zum Alten-Ärgern möglicherweise schon damals nicht so wahnsinnig gut eingerichtet war, gegen den Jahrhundertsong Paul ist tot aus 1980 kann man schon mal überhaupt nichts sagen.

Wenn man davon ausgeht, dass ein erheblicher Teil des Publikums im Wiener Flex an diesem Abend beim Veteranentreffen mit den Punk- und Neue-Deutsche-Welle-Methusalems Fehlfarben aus Düsseldorf auch damals schon dabei war und jetzt beim Konzert so lange aufbleiben musste wie sonst höchstens noch zu Silvester: Selbst 23 Jahre nach seinem Erscheinen erschüttert Paul ist tot noch immer. Für eine unglückliche Jugend ist es nie zu spät.

So gelangweilt trotz emotionaler Ergriffenheit (Hunger, Durst, lästig, fad!) kann man ihn gar nicht herunterhacken, dass es einem bei der Zeile "Dann stehst du neben mir, und wir flippern zusammen, Paul ist tot, kein Freispiel drin" nicht die Gänsehaut aufzieht. Dagegen wirkt der Willy von "Atomkraft, nein danke!"-Gottseibeiuns Konstantin Wecker, das andere große Sterbelied dieser heute bei Wickie, Slime & Paiper als Generation Nena mythisch verklärten Zeit ausgestandener Ölkrisen (Markus und "Ich geb' Gas, ich will Spaß") und bereits drohender Ich-AGs (Ideal und "Es ist so schön, ein Schwein zu sein"), wie eine larmoyante Kinderjause. Als moralisch halbwegs ungefestigter Möchtegern-Punk musste man am Anfang von früher schließlich stickermäßig auch für "Zurück zum Beton!" statt "Jute statt Plastik!" eintreten.

Den Fehlfarben mit ihrem auch heute noch wie ein Mitglied des Berliner Ensembles unter Bert Brecht selig schneidig deklamierenden Peter Hein glückte damals 1980 mit dem Album Monarchie und Alltag möglicherweise die bis heute wichtigste und gültigste künstlerische Äußerung im Bereich Rockmusik und deutsche Texte. Hübsch hölzern und nach wie vor jenseits von "groovy" im Flex gebrettert: Apokalypse, Gottseidank nicht in England, Grau- schleier . . .

Allein wie hier nach gut zehnjähriger Pause beinahe in Originalbesetzung in einem möglicherweise bewusst auf Altersmüdigkeit, weil immer schon auf Altersstil angelegten Comeback-Konzert ein früher Titel wie der schon beim ursprünglichen Erscheinen zeitlos pessimistisch nach Fortschrittsverweigerung klingende Klassiker Das war vor Jahren interpretiert wurde, brachte eine Gewissheit: So blöd wie die heutige Jugend waren wir früher allemal! "Wir tanzten bis zum Ende zum Herzschlag der besten Musik, jeden Abend, jeden Tag, wir dachten schon, das ist der Sieg."

Allerdings hat schon damals das Wünschen nichts geholfen. Peter Heins Konzept der radikalen Verweigerung von allem, was auch nur irgendwie nach Kunst als Lohnarbeit riecht, geht dabei nach wie vor auf. Obwohl das bewährte Sich-selbst-Runtermachen während der Zwischenansagen mitunter auch als ziemlich offensichtliche Taktik funktioniert. Damit kann man immerhin beim nach zwei, drei Wochen Tour professionell abgespulten Repertoire mitunter den fehlenden Biss kaschieren. Selbst die ohnehin eher getragenen Stücke des aktuellen Albums Knietief im Dispo werden live noch langsamer angelegt.

Vorne ist nicht

Wer aber schon 1980 kurz vor dem Durchbruch der Fehlfarben mit dem von der Band stets treuherzig abgelehnten und selbstverständlich auch heute nicht gespielten Hausbesetzerklassiker Es geht voran das Handtuch warf, weil er lieber entfremdet ins Büro arbeiten ging als entfreundet den Popstar zu geben, hat alles Recht der Welt, 2003 Zeilen wie "Sieh nie nach vorn, sieh nie nach vorn, was hab' ich denn dort vorn verlor'n" zu skandieren. Oder in Die Internationale Außenpolitik für Attac zu betreiben: "Kreuz oder Halbmond, der gleiche Beschiss, man weiß wirklich nicht, was ekliger ist."

In all seiner Naivität - immerhin sind Liedtexte im, bitte sehr, günstigsten Fall Momentaufnahmen und keine literarischen Selbstbespiegelungen - gilt Hein damit nach 23 Jahren Pause, die nur einmal kurz vor zehn Jahren für eine Liveplatte unterbrochen wurde (Platte des himmlischen Friedens), sowohl als Blaupause für heutige deutsche Bands des denkenden Jungmannes wie Blumfeld oder Tocotronic. Das live zur Gänze vorgestellte Album Knietief im Dispo zeigt auch, dass Hein sein vermeintlich beiläufig hingeschludertes Handwerk noch immer beherrscht.

Und wer gegen Ende des Konzerts noch die Punkgötter The Clash und deren vor Weihnachten gestorbenen Sänger Joe Strummer mit einer rotzigen A-cappella-Version von I'm so bored with the USA ehrt und gleich noch Janie Jones nachlegt, muss ja sowieso ein Guter sein. Allen altersbedingten Abbauprozessen auf der Bühne zum Trotz: Auch eine Konzerthalle ohne Bestuhlung kann ganz schön anstrengend sein. Wir werden alle nicht jünger.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2003)

Von
Christian Schachinger

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Fehlfarben.com
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    foto: zomba
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