Grazer Sightseeing mit den Händen

13. Februar 2003, 18:42
posten

Miniaturen von Kulturbauwerken und Denkmälern machen die Stadt für Blinde begreifbar

Graz - Sehbehinderte und blinde Menschen können sich zwar in einem weitläufigen Gebäude bestens orientieren und es ebenso gut kennen lernen wie Menschen mit gesunden Augen, sie können sich aber das Gebäude und seine Form als Ganzes oft nur schwer vorstellen.

In Graz hat man nun begonnen, vor Kulturbauwerken und Denkmälern detailgetreue Miniaturen zu errichten, an denen Menschen mit Sehbehinderungen - aber auch alle Kinder - das jeweilige Bauwerk besser begreifen können. Als Erstes bekam der Grazer Uhrturm zusätzlich zu einem gleich großen Schatten - einem Kunstwerk für "Graz 2003" von Markus Wilfling - auch die Gesellschaft eines "Uhrtürmchens".

Im Falle des Grazer Kunsthauses ist die Miniatur vor dem Original fertig geworden: Während die "blaue Blase" der Architekten Peter Cook und Colin Fournier erst im September eröffnet wird, kann eine Bronzeskulptur des fertigen Baus bereits während der nächsten beiden Wochen im "Baustellencafé" Thienfeld neben dem Kunsthaus betastet werden. Danach wird die Miniblase auf einem Sockel unmittelbar vor dem Kunsthaus auf dem Südtirolerplatz permanent installiert werden.

Die beiden Grazer Kurt Hohensinner und Alexander Ceh hatten die Idee, das neue und alte Graz ertastbar zu machen. Der Behindertenpädagoge Hohensinner hatte im Rahmen eines Praktikums in den USA mit einer Gruppe behinderter Menschen das kalifornische Disney Land besucht. Dort wurden Mickey, Donald und ihre Freunde blinden Menschen durch kleine Kunststoffpuppen wahrnehmbar gemacht.

Nach dem Uhrturm und dem Kunsthaus sollen nun auch vor der Grazer Oper, vor dem Rathaus und auf der Murinsel des New Yorker Architekten Vito Acconci Miniaturen errichtet werden.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2003)

Von
Colette M. Schmidt
Share if you care.