Zukunft braucht Vergangenheit

9. März 2003, 12:00
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Zu Gedanken und Essays von Frauenforscherin Gerda Lerner

Die Vorträge und Essays der amerikanischen Historikerin und Feministin stehen in enger und bewusster Verbindung mit ihrer persönlichen Lebensgeschichte. Dadurch ist das Buch sehr anschaulich und gut verständlich: Erinnerungen an die Kindheit in ihrer jüdischen Familie sind die Grundlage ihrer Gedanken über Assimilation und Antisemitismus.

1938 verlässt die gebürtige Wienerin das nun nationalsozialistisch beherrschte Österreich und emigriert im Alter von 18 Jahren in die USA. Dort setzt sie sich das Ziel, die deutsche Sprache hinter sich zu lassen und eine amerikanische Schriftstellerin zu werden. Es gelingt ihr zwar unter großen Mühen, doch manches fehlt ihr. Der Aufsatz “Ein Leben in der Übersetzung” beschreibt ihre Erfahrungen und die spätere Wiederannäherung an ihre Muttersprache; ein anderer ihre ganz unterschiedlichen Erlebnisse und Eindrücke auf ihrer ersten Reise nach Deutschland lange nach dem Krieg, als sie längst eine anerkannte Historikerin ist. In Österreich nimmt sie einen Staatspreis für ihre Verdienste auf dem Gebiet der Frauengeschichte der Arbeiterbewegung engegen, die Festrede ist im Buch abgedruckt.

Rangordnung und Herrschaft

In den stärker theoretisch ausgerichteten Kapiteln geht es um die Kategorien “Rasse” – Ethnizität - Klasse - Geschlecht als verschiedene Aspekte von gesellschaftlichen Rangordnungen und Herrschaft, welche nach Ansicht der Autorin eng miteinander verflochten sind: “Die Systeme der Dominanz bedingen sich gegenseitig und sind deshalb nicht erfolgreich aus den Angeln zu heben, wenn sie einzeln nacheinander angegriffen werden.”

Bedeutung von Geschichte

Historische Beispiele, etwa aus der Kolonialgeschichte, machen deutlich, wie Unterdrückung funktioniert, die unterschiedlichen Rollen der Frauen werden differenziert betrachtet. Den “American Values” in all ihren Widersprüchen ist ein eigenes Kapitel gewidmet, ebenso dem gewaltfreien Widerstand. Die Bedeutung von Geschichte für Frauen und für die Menschen insgesamt wird im Schlusskapitel unter dem Titel “Warum Geschichte uns angeht” zusammengefasst: Geschichte dient auch der Legitimation von Herrschaft - umso wichtiger ist es gerade für unterdrückte Gruppen, ein erweitertes Verständnis zu entwickeln.
Gastautorin Irene Gronegger

Gerda Lerner:
"Zukunft braucht Vergangenheit
– Warum Geschichte uns angeht"
Ulrike Helmer Verlag,
2002, 332 S., 22,90 Euro


ISBN 3-89741-096-6

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