Influenza-Welle schon hier?

13. Februar 2003, 13:11
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Zwei oral einzunehmende Medikamente unterliegen einer Chefarzt-Bewilligung

Wien - Schon zahlreiche Österreicher dürften derzeit mit der echten Virus-Influenza im Bett liegen. Besser wäre es gewesen, sie hätten sich dagegen impfen lassen. Für noch nicht Kranke ist das auch jetzt noch möglich. Doch im Hintergrund dazu läuft derzeit eine heftige Diskussion ab, ob eine "Welle" an Influenza-Erkrankungen wirklich schon angelaufen ist - und ob die Krankenkassen ursächlich gegen die Krankheit wirkende Arzneimittel bezahlen. Für das neueste von ihnen - erstmals in einer Form zum Schlucken - laufen parallel PR- und Marketingaktivitäten.

"Wir sehen die Grippewelle aus unseren Daten nicht", erklärte der Sprecher der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK), Mag. Jan Pazourek, am Donnerstag. Laut Krankenstandstatistik liege man bei bzw. sogar knapp unter den Werten des vergangenen Jahres. Und da es im Vergleichszeitraum 2002 keine Influenza-Welle gegeben habe, sei dies wohl auch derzeit nicht der Fall.

ARGE Influenza: Schwellenwert überschritten

Bei der ARGE Influenza - jener Organisation, die mit den Vakzin-Herstellern im Hintergrund seit Jahren die Influenza-Impfung propagiert und die Situation beobachtet - sind auf Grund der Daten der MA 15 der Gemeinde Wien die Werte für den Beginn einer Influenza-Welle überschritten. Dafür wird ein Wert von mehr als errechneten 12.000 Neuerkrankungen an banalen grippalen Infekten und Influenza angenommen. Ein Sprecher der ARGE am Donnerstag: "Laut den statistischen Zahlen stehen wir am Beginn der Influenza-Welle." Betont wird, dass sich bisher Ungeimpfte noch schnell per Immunisierung schützen können.

Medikamente

Doch gerade in der Grippe-Saison 2003 ergibt sich eine neue Frage: Nach Zanamivir als ehemals erstem ursächlich gegen die Influenza wirkenden Medikament, das allerdings als Pulver inhaliert werden muss, gibt es nunmehr ein zweites: Oseltamivir. Es ist in Kapselform schluckbar. Doch die Krankenkassen haben die Medikamente nicht in das Heilmittelverzeichnis aufgenommen. Sie sind somit Chefarzt-pflichtig.

Die Crux: Die Medikamente - weiterhin keine Alternative zur vorbeugenden Impfung - wirken nur, wenn sie möglichst schnell nach Auftreten der Symptome (binnen 48 Stunden) eingenommen werden. Der Wiener Chemotherapeut Univ.-Prof. DDr. Wolfgang Graninger erklärte über Oseltamivir (Roche) bei einer Pressekonferenz im November vergangenen Jahres: "Die Krankheitsdauer wird um zwei Tage gesenkt. Insgesamt kommt es zu einer 40-prozentigen Verringerung der Symptome. Die Rate der Sekundärkomplikationen wird um 55 Prozent (Bronchitis, Nasennebenhöhlen-, Mittelohr- und Lungenentzündungen, Anm.) verringert."

Der Preis

Im Laufe der Markteinführung des Medikamentes war - so Experten - auch überlegt worden, die Chefarztpflicht für die Dauer einer eindeutig vorliegenden Influenza-Epidemie aufzuheben. Doch dazu kam es offenbar nicht. Das antivirale Medikament zur oralen Einnahme (pro Kapsel 75 Milligramm Wirkstoff, zwei Mal täglich einzunehmen, eine Packung mit zehn Stück) kostet in den Apotheken auf Privatrezept 49 Euro. Würde es der Chefarzt bewilligen, zahlen die sozialen Krankenkassen pro Packung 35,65 Euro ("Kassenpreis").

Noch kein Schnelltest

Ein eindeutiges Problem bei den Influenza-Medikamenten liegt darin, dass sie ausschließlich gegen die Influenza A und B wirken, ein genauer Nachweis der Erkrankung aber in der breiten Routine nicht möglich ist. Zwar hat der Pharma- und Diagnostikhersteller "Roche" (auch Oseltamivir-Entwickler) ehemals angekündigt, einen einfachen und in Arztordinationen anwendbaren Schnelltest zu entwickeln, doch den gibt es noch nicht. "Damit muss man Verständnis für die Krankenkassen haben, wenn sie das Medikament nur nach Bewilligung durch den Chefarzt bezahlen", erklärte dazu ein Wiener Apotheker.

Für die Krankenkassen bestünde bei Aufhebung der Chefarztpflicht die Gefahr, dass ein gewisser Anteil der Medikamente auch bei banalen grippalen Infekten und somit unnötig verwendet würde. Der Chefarzt der Wiener Gebietskrankenkasse, Dr. Reinhard Marek, am Donnerstag: "In der Prodromalphase (Anfangsphase, Anm.) sind die Symptome auch nicht so eindeutig unterscheidbar." WGKK-Sprecher Jan Pazourek ergänzte: "Wir sagen: 'Die Impfung ist viel besser als 'Tamiflu' (Oseltamivir, Anm.)."

Einzelfall wird beurteilt

Jedenfalls wurde für den Bereich der WGKK ein neue Weisung an die Ärzte in den Kassenstellen zum Thema der Bewilligung des Medikaments erstellt und per E-Mail versendet. Marek: "Wir halten uns an die Beurteilung des Einzelfalles." Würden entsprechende Argumente für die Verwendung des Arzneimittels (auf Kassenkosten, Anm.) vorliegen, wäre somit eine Bewilligung möglich.

Offenbar kam man bei den Krankenkassen aber auch zu einer anderen Bewertung der Effekte von Oseltamivir. Marek: "Auf Grund der Datenlage geht es (bei der Reduktion der Krankheitsdauer, Anm.) um einen Tag." Zusätzlich müsse man noch die Einschränkungen der notwendigen Einnahme in dem "Zeitfenster" von 48 Stunden ab Beginn der Symptome und das Vorliegen einer "echten Grippe" für eine allfällige Wirkung einrechnen.

"Statistisch nicht signifikant"

Auch immer wieder in der Vergangenheit propagierte Argumente, wonach besonders hoch Betagte und bereits chronisch Kranke durch Anwendung der Anti-Influenza-Medikamente vor schweren Komplikationen der Virus-Grippe bewahrt werden könnten, wird bei der Wiener Gebietskrankenkasse nicht nachvollzogen. Marek: "Beim Risikosample (Risikopersonen, Anm.) ist es (Oseltamivir, Anm.) weniger wirksam. Die Verkürzung der Krankheitsdauer war statistisch nicht signifikant."

Der WGKK-Chefarzt glaubt trotzdem, dass im Ernstfall eine Chefarzt-Bewilligung binnen 48 Stunden nach Beginn der Symptome - und somit rechtzeitig - möglich ist. Kassenstellen und Apotheken wären auf kurzem Wege auch für Angehörige der Bettlägerigen erreichbar. Auf dem Land könnte die Situation allerdings schwieriger sein, meinte Marek.

"Chefarztpflicht aufheben"

Univ.-Prof. Dr. Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin der Universität Wien, ist jedenfalls für die Aufhebung der Notwendigkeit einer Chefarzt-Bewilligung: "Ich halte die Chefarztpflicht für einen Blödsinn." Wenn, dann müsse das Medikament eben ohne Zeitverzögerung eingenommen werden.

Freilich, ganz ohne Oseltamivir bzw. ähnliche Medikamente in größerer Stückzahl wird Österreich auf lange Sicht wohl nicht bleiben. "Es gibt Angebote, 'Tamiflu' (Oseltamivir, Anm.) für eine Pandemie in großer Menge zur Verfügung zu stellen", sagte am Donnerstag eine Sprecherin von "Roche". Noch im vergangenen November war davon auf Anfrage keine Rede gewesen. Freilich, eine solche die ganze Welt erfassende Influenza-Pandemie ist nur für den Fall zu erwarten, dass von den derzeit zirkulierenden Influenza-Viren sehr unterschiedliche Krankheitserreger (ähnlich "Spanische Grippe", "Hongkong Grippe") auftauchen. Doch dafür gibt es zur Zeit keine Anzeichen. (APA)

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