Ausgehen, ohne einzukehren

25. Februar 2003, 10:41
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Take away als urbanes und soziales und historisches Phänomen. Bert Rebhandl holte sich in Berlin etwas zu essen

Neulich wollte bei Laura ein Mann die Nudeln "zum Mitnehmen". Häufig kommt das nicht vor in dem Kreuzberger Laden "Alimentari e Vini", in dessen Hinterzimmer es mittags immer eine rustikale Pasta gibt. Die Stammkunden, die ihren Status an dem "ciao, amore" erkennen, mit dem sie begrüßt werden, essen ihre Penne zwischen Weinkisten und gestapelten Panettonen. Wer hier in der Nähe lebt und bei Laura einkehrt, hat es selten eilig, und die Warmhalteboxen für eine "Pasta via" werden nicht allzu häufig gebraucht. Via, das ist das italienische Wort für take away.

Mitnehmen kann man in Berlin mittlerweile nahezu alles, was kein Fünfgangmenü mit Weinbegleitung ist. (Das kann man sich dafür ins Haus liefern lassen.) Bei "Mama Su", der neuen Wok-Kantine um die Ecke von "Alimentari e Vini", gibt es so viele Verpackungsgrößen, wie es früher Keksformen gab. Von der Misosuppe bis zum Sushi-Set für eine Kreuzberger Kindergruppe wird alles in Plastik verstaut, vertütet und zur Abholung bereitgestellt. Gegessen wird im Auto, auf der Parkbank, im Büro, in der Kneipe nebenan (deren Tagesgericht wie immer indiskutabel ist), in der U-Bahn oder daheim vor dem Fernseher. Manchmal kommt etwas dazwischen, und das Essen wird gar nicht verzehrt. Dann ist es von Vorteil, wenn es an einem Ort vergessen wird, der täglich gereinigt wird. Sonst kann es zu einem Zwischenfall kommen wie damals in der Volksschule, als ein Mädchen ein Joghurt im Pult vergaß, das Wochen später für Furore sorgte.

Take away ist die moderne Form des Jausenpakets. Es wird nicht mehr von den sorgenden Eltern zubereitet, sondern von professionellen Dienstleistern. Es wird nicht mehr zwischen zwei Terminen verzehrt, sondern zwischen zwei Aufgaben, die sich häufig gleichzeitig stellen. Take away bestimmt die Ernährung der neuen Ökonomie, deswegen ist Take away auch schon wieder in der Krise, bevor es sich richtig durchgesetzt hat. Natürlich gibt es traditionelle Formen des Transports von zubereiteten Waren. Es gibt Essen auf Rädern, klassisch. Es gibt den Pizzabäcker, dessen Sohn mit dem Pizza-Express unterwegs ist. Es gibt den Wirt aus Sri Lanka, der persönlich mit den Catering-Wannen vorbeikommt. Es gibt die japanische Frau in Takeshi Kitanos jüngstem Film "Dolls", die ihrem Geliebten täglich einen Mittagsimbiss zu ihrem angestammten Treffpunkt bringt, auch dann noch, als der schon viele Jahre nicht mehr erschienen ist. Es gibt das mondäne New Yorker Paar, das in Paul Schraders "Light Sleeper" am Kamin sitzt und eine ganze Mappe mit Speisekarten durchblättert: "Wo bestellen wir heute?"

Take away aber ist eine Kompromissbildung aus Essen und Einkaufen. Wir gehen dazu aus, aber wir kehren nicht ein. Einpacken konnte man sich ja immer schon nahezu alles lassen: in Staniol die überzähligen Schnitzeln bei den "Drei Liesln" und in die Holzkiste die Sachertorte im Sacher. Erst mit den Suppen der "Soup-Kultur" und dem Chai Latte von Starbuck's wurde das Lunch zu einer Form des Shoppings. Menschen, die mit einem Becher voll Kaffee in der Hand die Fifth Avenue überqueren, wurden zum Inbegriff einer neuen Lebensform, an deren privatem Ende sich AOL angesiedelt hatte: You've got mail.

Mit Sushi fing alles an, weil dieses Gericht besonders pflegeleicht ist, und Stäbchen das ideale Besteck für einmalige Verwendung sind. Die Pappbehälter, aus denen die Menschen in amerikanischen Fernsehserien den Reis schaufelten, waren illegitime Abkömmlinge der schönen Schalen, aus denen in Asien gegessen wird. In Berlin-Mitte, wo es eine überlieferte Esskultur nicht gab, entstand in den Neunzigerjahren wie aus dem Nichts ein Gewerbe neben dem anderen, in dem in erster Linie gekocht wurde, was zur Mitnahme geeignet, aber nicht alltäglich ist: Zitronengrassuppe, handgemachte Eierteigware mit Rauke, Ingwerparfait. In den Erdgeschoßen der frisch sanierten Häuser siedelten sich die Imbissbuden der Individualisten an. Sie traten in Konkurrenz mit den Falafelbuden, die gleich nach der Wende den Studenten, die in den Osten der Stadt zogen, das Leben erleichterten und die Mensa ersetzten.

Take away aber wurde das Essen der flexiblen Menschen: Sie wollten genießen, aber nicht gleich; sie wollten ein Gericht, aber kein Gedeck; sie wollten Energie, aber keine Pause. Diese Klientel macht jetzt eine neue Erfahrung. Viele haben Zeit. Manche suchen Zuspruch von Laura, und wenn sie Glück haben, packt ihnen die Chefin nach dem Essen noch einen Kuchen ein. (DER STANDARD/rondo/14/02/2003)

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