Nimm es weg

19. Februar 2003, 11:06
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Die Verpackung zählt. Vor allem beim Essen, das man sich mitnehmen will: Geruch, Geschmack und Saft sollen drinnen bleiben, Kälte und Dreck draußen

Die Strecke von der Floragasse im vierten Wiener Gemeindebezirk in die Standard-Redaktion ist gezeichnet von oftmaligem Umsteigen, heimtückisch beschleunigenden Straßenbahnen der Linie 65, weiten Ebenen, über die der eisige Nordwest ungehindert pfeift und vor allem mannigfaltigen Verlockungen, den Weg bei einem kleinen Espresso oder der Begutachtung eines Schaufensters kurz zu unterbrechen. Keine leichte Aufgabe also für eine Verpackung, die während dieser knapp zwanzigminütigen Reise getrüffelte Krautfleckerln, Ziegenkäsetascherln mit Paradeiserbutter, Thymian-Dijonsenf-Linsen, Branzinofilet mit Zitronenrisotto sowie ein Stück rosa gebratenen Wildschweinrückens mit Rucolakruste und Wuzelnudeln warm und sicher zu halten bestimmt ist. Auf die Idee, so etwas aber haben zu wollen, kam der junge Szenegastronom Markus Artner, als er den Boten einer nahe gelegenen Galerie bei dessen Versuch beobachtete, ein paar Teller vom Restaurant zu seiner Arbeitsstätte zu balancieren, "wo das Essen dann mit Sicherheit schon kalt war".

Das Anforderungsprofil an die Verpackungsdesignerin Susanne Lippitsch war denn auch entsprechend komplex: eine Essensverpackung, die erstens gut aussieht und sich gut angreift, die selbstverständlich dicht hält, die einen isolierten Kalt- und Warmbereich besitzt, die keinen Geschmack ans Essen abgibt und die flexibel genug für die wechselnden Speisekarten seines Restaurants ist. An die 15.000 Euro investierte Artner in die Entwicklung der kleineren und größeren Schächtelchen aus PET-beschichtetem Karton und in die Überschachtel aus isolierender Wellpappe ("das kostet am Anfang natürlich ein kleines Vermögen"), zwei Stunden sei ein derart verpacktes Menü, das er bei -5° in den Schnee gestellt hatte, heiß geblieben, vier Stunden immerhin warm.

Die einzige Schwierigkeit besteht einstweilen noch in der mangelnden Routine beim Falten der Gefäße (Artner, scheiternd: "Das ist eher was für Frauenfinger, bei meinen patscherten Händen . . ."), aber da stand die Einschulung mit der Designerin ja auch noch bevor.

Auch Stefan Gergely, früher Wissenschaftsredakteur beim profil, dann Multi-gastronom in Wien-Margareten, zerbrach sich anlässlich der Eröffnung seines kontemporären Burger- und Kaffeelokals "Cuadro" den Kopf bezüglich einer entsprechenden Take-away-Verpackung: "Es gibt eine Unmenge Pizzaverpackungen, eine Unmenge Burgerverpackungen und jede Menge von davon abgeleiteten Verpackungen, in die man dann halt Hendln füllen kann. Und das ist alles unheimlich primitiv!" Gemeinsam mit einem deutschen Verpackungsdesigner und einem Kartonagenerzeuger entwickelte er also eine "Überverpackung, die modulartig aufgebaut ist", in die man einen, zwei oder drei Burger mit einem oder zwei Getränken beziehungsweise unterschiedlich geartete Frühstücke unterbringen kann. Im Auto dürfe das Ding nicht umfallen, und aufgeklappt müsse es eine gute Unterlage bieten, so Gergelys Briefing. Insgesamt seien es jedenfalls zu viele Ideen gewesen, so Gergely, die man in diese Verpackung verpackt habe, "es war mein Verpackungs-flop, ich habe noch jede Menge von dem Zeug herumstehen". Grund für das Scheitern: "Ein Mangel an Einfachheit", das Personal sei überfordert gewesen, und einen dezidiert für Take-away-Angelegenheiten abgestellten Terminal hätte das Kundenaufkommen nicht gerechtfertigt.

Gut, auch bei Markus Artner muss man noch zumindestens eine halbe Stunde vor der geplanten Abholung anrufen und das aus dem Internet (artner.co.at) gewählte Menü ordern, "und zwischen 19 und 22 Uhr geht es sowieso gar nicht . . ." Aber immerhin, zumindest Initiativen, "denn was mir in Österreich sehr stark abgeht, sind mutige Innovationen auf diesem Gebiet", so Sigi Mayer, mehrfach prämierter Verpackungsdesigner, und das liege sowohl an den Auftraggebern als auch an den mangelnden Einfällen der Designer.

"Wer gibt uns denn vor, wie eine Wurst auszusehen hat?", fragt Mayer und erzählt etwa von den schwarzen Papiersackerln, die er für eine Bäckerei gestaltete und die anfangs noch mit einem "Seid's deppert?!" quittiert wurden, aber spätestens nachdem ein japanisches Fernsehteam extra deshalb anreiste, nicht mehr gemisst werden wollten. Und die Würstchen des Gallneukirchner Avantgardefleischhauers Anton Riepl, die Mayer in Zigarrenhüllen steckte und "Long Boy" nannte, stießen schließlich sogar bei der Lufthansa auf größtes Interesse.

Ob Foodpackaging in Österreich, wo Gemütlichkeit als unverzichtbarer Bestandteil der Nahrungsaufnahme betrachtet wird, je zum Thema wird, ist zwar unklar, aber eher wahrscheinlich. Und dass die Alufolie da dann nicht mehr die Hauptrolle spielen wird, dürfte auch sicher sein. (DER STANDARD/rondo/Florian Holzer/14/02/2003)

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    foto: artner
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