Querfeldein beim "Nordic Cruising"

19. Februar 2003, 12:34
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Aus Skiwandern wird nach einer Imagekorrektur "Nordic Cruising". Dank Fortschritten in der Produktentwicklung hat der Sport aber nicht nur einen neuen Namen

Die Szenerie ist ein Winterzauberklischee: tief verschneite Wiesen und weiß bezuckerte Tannen, gleißende Sonne auf glitzernden Schneekristallen. Und als Draufgabe späht eine Gämse durch den Hochwald über Wildalpen im steirischen Salzatal. Postkartenkitsch lass nach!

Doch keine Angst, die Gämse sucht das Weite, die tiefe Sonne verschwindet hinter einem Bergrücken, und ein aufkommender Wind treibt den Schnee von den Ästen. Eine geballte Ladung landet im Nacken und rinnt, vermischt mit Schweiß, zwischen Haut und Transtex-Shirt den Rücken hinunter.

Wandern auf Skiern, querfeldein und auf und ab, durch Wiesen und Wälder, erfreute sich immer schon der Beliebtheit bei Winterlandschaftsgenießern. Nur haperte es lange bei der Ausrüstung. Langlaufskier, ob gewachst oder mit Schuppenbelag, sind zu schmal, um abseits gespurter Loipen sicheren Tritt zu geben. Und Alpintourenskier haben zwar eine fersenfreie Bindungseinstellung, doch sind auch leichte Steigungen nur mit Klebefellen zu bewältigen, die dann bei jeder Zwischenabfahrt wieder abgezogen werden müssen.

Skiwandern

Seit kurzem gibt es nun eigene Skier, breiter und steifer und kürzer als die klassischen Langlaufskier, mit breiteren und flacheren Skispitzen, die auch den ungespurten Schnee durchpflügen. Und mit einem geschuppten Grafitbelag, der leichte Anstiege erlaubt, ohne bei Abfahrten zu sehr zu bremsen. Die verwendete Bindung ist die gleiche wie beim Langlaufen, die Schuhe aber sind fester und höher und sorgen auch im Tiefschnee für trockene Füße.

Hand in Hand mit der Produktentwicklung ging eine Imagekorrektur des Skiwanderns. Nachdem der aus der nordamerikanischen Wilderness-Terminologie importierte Begriff "Back Country Skiing" nicht heimisch werden wollte - vielleicht, weil die Voralpen zwischen Annaberg und Mariazell doch nicht so recht mit den Rocky Mountains zu vergleichen sind -, griffen die Skihersteller und Touristiker zu einem Namen, der Assoziationen zu Skandinavien herstellte: "Nordic Cruising".

"Nordisch", bisher der Sammelbegriff für die Wettkampfdisziplinen Langlauf und Skispringen, soll in seiner englischen Form "Nordic" natürliche Bewegung in Natur pur signalisieren und hat sich bereits in der Sommerwellness-Welle als Schlagwort durchgesetzt. "Nordic Walking" benennt dort eine Art Jogging im baumfreien hochalpinen Gelände und wird in einigen Fremdenverkehrsorten wie etwa Damüls im Bregenzer Wald neuerdings als konditionsförderndes Alternativprogramm zum Wandern angeboten.

Ideales Wellnestraining

Eine Mischung aus Lauf- und Bergschuhen sorgt dabei für Trittsicherheit. Stöcke, ähnlich denen beim Langlaufen, unterstützen das Gleichgewicht, sorgen für Schonung der Gelenke und beziehen die Muskelkraft der Arme in die Körperarbeit ein. "Total Body Workout" versprechen die Fitness-Apostel. Zum Nordic Walking kam dann Nordic Blading, das auf speziellen Inline-skates mit acht bis zehn Rollen gelaufen wird und sich zum Asphalt-Inlineskating so verhält wie Mountainbiken zum Straßenradeln. Und schließlich Nordic Cruising, das, zur Freude der Nordic-Cruising-Skihersteller, vom wendigen Laufguru Ulrich Strunz flugs zum neuen Wintertrend ernannt wurde: "Ein ideales Wellness-Training für jede Altersgruppe." 95 Prozent der Muskulatur seien dabei gefordert, Durchblutung, Fettverbrennung und Stressabbau funktionierten optimal.

Wildalpen im steirischen Salzatal, besser bekannt als sommerliches Dorado für Rafting-, Kanu- und Kajakfreunde, sprang auf den Trend auf und veranstaltet im Winter Nordic-Cruising-Wochenenden, für die das Material ausgeliehen werden kann. Es geht zu unterschiedlich entfernten Zielen wie dem Krumpen oder dem Rotwald, und den Abschluss bildet - ganz nordisch - die Sauna mit Kaltwasserdusche in einem Wasserfall. Das Durchkreuzen von wegeloser Natur auf Skiern birgt ungeachtet aller trendigen Wellness-Effekte reizvolle Erlebnisse.

Das Gefühl von Freiheit paart sich mit der Lust an dosierter Anstrengung. Nach Abschnitten in klirrender Kälte, wo nur Bewegung und funktionale Kleidung dem Körper das Mindestmaß an Überlebenswärme sichern, folgen sonnige Strecken, die den erstarrten Fingern und Zehen wohlige Gefühle schenken. Irgendwo im Hinterkopf sitzen Bubenträume von Alaska und Island oder Amundsen in der Weite der Antarktis. Aber hier sind Bäume und Vögel und Spuren von Hasen und Rehen zu sehen. Wie gesagt, der Kitschfaktor ist dabei, wir sind ja in der Obhut des Tourismus, wenn auch des sanften. (Der Standard/rondo/14/02/2003)

Tipps:
Anfahrt: Mit dem Auto vom Westen über A 1 und Pyhrn-Autobahn bis Liezen, weiter über Admont, Hieflau. Vom Süden über die Tauernautobahn bis Altenmarkt, über Schladming/Liezen, oder über B 83 und B 336 bis St. Michael und Pyhrn-Autobahn nach Liezen. Von Graz Pyhrn-Autobahn bis Liezen. Von Wien A 1 bis Ausfahrt Ybbs und über Wieselburg, Scheibbs, Lunz. Per Bahn: über Selzthal nach Hieflau. Von Hieflau besorgt ein Regionaltaxi gegen Voranmeldung (Tel. 03637 / 212 oder 0676 /587 00 31) den Transport nach Wildalpen.
Angebot: Nordic-Cruising-Aktivwochenende in Wildalpen. Freitag: Anreise, Programmbesprechung, Ausrüstungsausgabe. Samstag: Übungen mit Nordic-Cruising-Ausrüstung, Glühwein-Abend. Sonntag: Nordic-Cruising-Skitour, anschl. Hallenbad und Sauna. Euro 139 bis 159 je nach Unterkunft. Mindestteilnehmerzahl vier Personen, Anmeldung eine Woche vorher. Info und Buchung: Tourismusverband Wildalpen, Tel. 03636/341, Fax /313. tourismus@wildalpen.at, www.wildalpen.at.

Von Horst Christoph
  • "Nordic Cruising" in Wildalpen

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