Satans Stuhl, Solarturm und sanfte Mobilität

17. Februar 2003, 16:09
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Urlaub vom Auto bietet Werfenweng. In dem Pongauer Ort bewegt man sich im Elektrotaxi oder im Pferdeschlitten. Kein Wunder, dass hier nun auch die Hundeschlitten-WM abgehalten wird, fand Thomas Trenkler

Das Dorf taucht auf wie das Amen im Gebet. Zumindest, wenn es über Lawinentote zu berichten gilt. Denn Werfenweng hat seit zwei Jahrzehnten einen festen Platz in der Chronologie der schwersten Unglücke. Zehn Jugendliche und drei Erzieher kamen am 31. Jänner 1982 bei einer Skiwanderung zur Elmaualm, zu der sie trotz "eindringlicher Warnung" aufgebrochen waren, in einer Nassschneelawine ums Leben.

Aber auch mit anderen spektakulären Todesfällen machte der Pongauer Ort immer wieder von sich reden. Im August 2002 brockte ein Pensionist Beeren im Seitenwald. Und starb dabei an Herzversagen. Im Oktober desselben Jahres briet ein anderer Speck ab. Und starb an Rauchgasvergiftung, weil er am Küchentisch eingeschlafen war. Im Mai 2001 stürzte ein Urlauber scheinbar grundlos in die Salzach. Zwei Monate zuvor raste ein Deutscher in der Wengerau, wo es eigentlich so gut wie keinen Verkehr gibt, in eine Fußgängergruppe. Eine Frau starb. Und im September 2002 brach sich der Schauspieler Karl-Heinz Meyer-Martell das Genick, als er auf die Toilette gehen wollte.

Manches erscheint höchst merkwürdig

Werfenweng, ein Dorf mit achthundert irgendwas (derzeit 804) Einwohnern abseits der Verkehrsverbindungen, verlangt somit Respekt. Und manches erscheint höchst merkwürdig. Beispielsweise, wenn sich der Masseur im Dorfhotel, mit vier Sternen die erste Adresse, als Chronist entpuppt, der sein Wissen aus dem Rücken des anderen knetet. Schließlich ist er, wie sich herausstellt, der Volksschuldirektor. Und der Religionslehrer. Und der Leiter der Laienspielgruppe. Vor ein paar Jahren hat er zum Beispiel Glaube und Heimat von Karl Schönherr inszeniert.

Wolfgang Popp weiß naturgemäß vieles zu erzählen. Dass die Bauern einst beim Pfarrer das Lesen lernen wollten, um dann die Luther-Bibel studieren zu können, was ja nicht gerade im Sinne der katholischen Kirche war. Dass sie sich draußen in der

Wengerau beim Predigtstuhl getroffen hätten, einem riesigen Gesteinsbrocken, der schließlich als "Platz des von Satan und seiner Lehre verseuchten Lehrstuhls" verschrien war. Dass die Bauern im November 1731 (wie überall im Pongau) vertrieben wurden, dass danach 13 der 17 Höfe, die Werfenweng bildeten, leer standen.

Werfenweng war nicht so sehr ein Ort, sondern ein Gebiet

Und wenn Werfenweng heutzutage so etwas ist wie ein Ort, dann deshalb, weil er in den vergangenen Jahrzehnten zu einem wurde. Namenlose Architektur hat sich angehäuft: Häuser im pseudoländlichen Stil wurden hochgezogen, als gäbe es ein Gesetz, nach dem nur Häuser mit Giebeldach gebaut werden dürfen, egal wie groß sie auch sind, und sie wurden natürlich immer größer.

Doch irgendwie stimmt das nicht, wenn man genauer schaut. Das Skimuseum zum Beispiel, in dem eine Weltcupkugel von Petra Kronberger, der wohl berühmtesten Werfenwengerin, zu bewundern ist, hat einen markanten Glaserker unter dem Dach. Eigentlich ist das Museum ein umgebauter Stall, der Wenghofstadel, verbunden über einen Gang mit dem Molter- au-Hof, einem perfekt erhaltenen Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert, das am Hochkönig stand, bevor es Stück für Stück abgetragen und neu aufgestellt wurde.

Die Pläne für das Museum entwarf der Grazer Architekt Hermann Eisenköck. Er hat mehr oder weniger eingeheiratet und das Gassengut mit einem vorgelagerten Turm ergänzt. Auch sonst hat Eisenköck manches entworfen, was gar nicht hierher zu passen scheint, weil es so "modern" ist. Am Dorfplatz zum Beispiel stehen ein phallischer "Solarturm" und eine eigenartige Tankstelle mit drei Zapfsäulen in Gelb, Orange und Rot, die in der Nacht von innen heraus leuchten: stärker oder schwächer, die Ruhe versinnbildlichend, zu der der Gast finden soll. "Lichtspiele der Langsamkeit" nennt man diese Installation.

Das Wahrzeichen von Werfenweng

Solarturm und Tankstelle sind irgendwie das Wahrzeichen von Werfenweng. Und Symbol für das Konzept, das man sich vor ein paar Jahren umzusetzen entschlossen hat. Es nennt sich Samo und steht für Sanfte Mobilität. Darunter versteht man, plakativer ausgedrückt: Urlaub vom Auto.

Wer mit der Bahn anreist, wird in Bischofshofen abgeholt. Und darf kostenlos die rund 25 Elektromobile benutzen, die es in den verschiedensten Ausführungen gibt. Auch mit den Elektrotaxis, Elois (statt Alois) gerufen, kann man sich gratis herumkutschieren lassen. Selbst der Autofahrer kommt in den Genuss der sanften Mobilität: wenn er den Autoschlüssel in den Tresor sperren lässt. Unter Bürgermeister Peter Brandauer wurde Werfenweg richtiggehend ein Musterbetrieb in Sachen Umweltschutz. Vor Weihnachten wurde das größte Solarkraftwerk Österreichs in Betrieb genommen, und demnächst soll mit dem Bau eines Biomasse-Heizkraftwerks - nach den Plänen von Hermann Eisenköck - begonnen werden.

Die Aktivitäten wurden bereits mehrfach belohnt. Im Juni 2002 erhielt Werfenweng zum Beispiel die Silbermedaille des Europäischen Dorferneuerungspreises. Landeshauptmann Franz Schausberger gratulierte mit einem exemplarischen Satz (hier leicht gekürzt): "Dieser Dorferneuerungspreis für eine ganzheitliche Dorfentwicklung zeigt ganz deutlich, dass die Gemeinde Werfenweng ein ganzheitliches Projekt im Rahmen der Dorferneuerung erfolgreich umgesetzt hat."

Autofreies Innendorf

Ein autofreies Innendorf kam aber nicht bei allen gut an: Für sein grünes Gedankengut wurde Brandauer, der einst, 1989, mit 27 Jahren Österreichs jüngster Bürgermeister war, bei der vergangenen Wahl ein Denkzettel verpasst. Statt 94 Prozent der Stimmen (ohne Manipulation) erhielt er nur mehr deren 80. Dennoch beachtlich.

Die meisten Bewohner aber tragen das Projekt mit. Und vor allem die meisten Betriebe. Schließlich wurde durch die Samo-Idee so etwas wie ein Tourismusboom ausgelöst. Obwohl man nicht gerade mit einem ausladenden Winterskigebiet aufwarten kann: Eingebettet ins Tennengebirge, das unter Naturschutz steht, ist es von der Skiwelt Amadé isoliert. Und bis auf ein etwas schwärzeres Teilstück gibt es rund um die Bischlinghöhe (1834 Meter) keine schwierige Piste zu meistern. Doch die Werfenwenger wissen sich mit Alternativen zu helfen, die perfekt zum Konzept passen. Der Gast wird auf eine Fahrt mit der Kutsche beziehungsweise dem Schlitten eingeladen. Man kann mit Lamas trekken gehen, mit Fackeln und Schneeschuhen Spuren suchen, rodeln, langlaufen und so weiter. Vor ein paar Jahren kamen auch die Schlittenhundebesitzer, weil dort, wo sie traditionell ihre Rennen fahren wollten, ziemlicher Schneemangel herrschte. Und nun kommen sie, begeistert von der malerischen Wengerau, jeden Winter. Die Weltmeisterschaft der Huskys und Konsorten von 20. bis 23. Februar - ein spannendes Spektakel - ist nur die logische Konsequenz.(Der Standard/rondo/14/02/2003)

Info:
Tourismusverband Werfenweng, Weng 58, 5453 Werfenweng, Tel. 06466 / 4200. www.werfenweng.org (www.werfenweng.at ist die Homepage des Dorfhotels Wenghof).
  • Die leuchtende Solartankstelle
    tourismusverband werfenweng

    Die leuchtende Solartankstelle

  • Das Schimuseum
    tourismusverband werfenweng

    Das Schimuseum

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