Hineindonnern in die Wüste

23. Februar 2003, 23:27
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Mit Öl finanzieren die Vereinigten Arabischen Emirate Wasser im Überfluss: Um den Preis des zweitgrößten Pro-Kopf-Wasserverbrauchs der Welt leistet man sich eine "grüne Revolution". Nicht zuletzt für den Tourismus

Das emiratische Wunder stellt sich für den staunenden Besucher in dem dar, was unser rühriger Begleiter Ahmed, ein marokkanisch-stämmiger Franzose, der sich um PR-Agenden der Vereinigten Arabischen Emirate kümmert, als "greeneries" bezeichnet. Die Autobahn entlang fahrend, die von Abu Dhabi in die alte Oasenstadt Al-Ain ("die Quelle") an der omanischen Grenze führt, vergisst man zeitweise, wo man sich befindet: Ein üppiger Grünstreifen, hinter dem sich die Sanddünen aufhäufen, säumt den Weg.

Eine Wohltat für die Augen und für die Psyche, fürwahr. Die Behauptung, dass Grünanlagen in den Emiraten nur mit aufbereitetem Wasser bewässert werden, wird jedoch durch mehrmaliges Nachfragen bei kompetenten Stellen revidiert: Das gilt allein für Abu Dhabi. Und das manchmal kolportierte Argument, dass diese Bepflanzungen à la longue das Klima im Wüstenstaat positiv beeinflussen werden, bezeichnet ein Fachmann in Abu Dhabi respektlos als "bullshit". Dazu genügen die beachtlichen 140 Millionen Bäume und die vierzig Millionen Dattelbäume - letztere hat man im irakischen Basra gekauft, die besten der Welt -, die seit dem Ende der sechziger Jahre gepflanzt wurden, nicht.

Umweltschutz auf emiratisch

Sustainability, Nachhaltigkeit, "bei denen bedeutet das, dass sie nachhaltig dabei bleiben, dass Öl als Energiequelle nicht diskriminiert werden darf", seufzt der westliche Umweltexperte angesichts der "Erklärung von Abu Dhabi" zum Thema Umwelt und Energie. "Wir können doch nicht illoyal unserem Reichtum gegenüber sein", sagt der hohe Ministerialbeamte und muss selbst darüber lachen. Trotz Vorkriegsstimmung hat Abu Dhabi zur "Umwelt-und Energiekonferenz" geladen, der Spagat gelingt nur mäßig.

Was hier so alles unter Umwelttechnologie läuft: Pumpen, mit denen man das immer rarer werdende Grundwasser besser an die Oberfläche bringt. Aber so ist das eben, Wasser hat man nicht, aber das Geld, es zu beschaffen, Gott ist gerecht, und die Ausländer zahlen mehr dafür als die emiratischen Staatsbürger. Gerade umweltfreundlich ist auch die Art der Entsalzung nicht, mit dem das Land 80 Prozent des Wasserverbrauchs abdeckt: durch Kochen. Aber alles zusammen erlaubt den Emiraten, nach den USA den zweitgrößten Pro-Kopf-Wasserverbrauch der Welt zu haben.

Über den Traum von der Begrünung der Wüste kann jedoch nur der lächeln, der keine hat. Der gepflegte, riesige Golfplatz vor den Toren von Abu Dhabi, den man uns stolz zeigt, könnte sich in den Subtropen befinden. Ein Zweifel: Spielen die Emirate-Araber eigentlich auch Golf? Oder ist dieses Prunkstück nur da, um ein paar westlichen Managern das Gefühl zu geben, hier könne man wie zu Hause leben?

Wie zu Hause leben

Unmöglich in einer frauenlosen öffentlichen Gesellschaft, wo man auch die wenigen Frauen, die man sieht, nicht sieht, alles hinter schwarzen Schleiern. Mit Ausnahme der vielfältigen nicht-emiratischen weiblichen Workforce natürlich. Mit dem Respekt für sie hapert es manchmal in einer Weltgegend, wo von den eigenen Frauen nicht unter Verwendung ihrer Namen gesprochen wird und noch nicht einmal als "meine Frau", sondern als "hurmati", meine Verbotene.

Wohl fühlen kann man sich besonders als westlicher Ausländer trotzdem in dieser hermetischen Gesellschaft, versichern Betroffene, die Leute seien freundlich, einfach, gutmütig und, wenn gewisse Grenzen nicht überschritten werden, auch aufgeschlossen. Und "undemokratisch" ist als Bezeichnung für das System ebenfalls zu kurz gegriffen, es gibt durchaus funktionierende Mechanismen der Konsensfindung. Schwer hingegen ist das Leben des Journalisten hier, wirklich substantielle Information gibt es kaum, übrigens auch für Diplomaten. Oder könnte es sein, dass das stille Wasser gar nicht so tief ist? "Shop till you drop", vielleicht lässt sich ja die ganze emiratische Welt wirklich auf ein Einkaufszentrum reduzieren.

Aber nein, da sind ja auch noch die männlichen Tugenden, die uns auf Umwegen zum Thema Umweltschutz zurückführen werden: Scheich Zayed bin Sultan Al Nahyan, der Herrscher von Abu Dhabi und Präsident der Emirate, ist ein großer Falkner, die Jagd mit Falken hat er trotzdem verboten, der Schutz des Wildtierlebens steht hoch oben auf seiner Agenda: Vergangene Woche wurde die Vogel-Insel Qarnein vom WWF zum "gift to the earth" erklärt, sie ist die erste Marine Protected Area im Mittleren Osten. Fauna geschützt, alles in Ordnung? Mitnichten, knurrt ein befragter Biologe, und führt als nur eines der Beispiele den Houbara an, einen jahrhundertelang mit Falken bejagten Vogel, der, als die Emirate reicher und den Männern fader wurde - und sie Automobile bekamen, mit denen sie in die Wüste hineindonnern können -, auszusterben begann. Aber die Jagd auf den Houbara ist doch verboten, gibt es denn keine Strafen? Kommt darauf an, wer erwischt wird, sagt der Biologe kryptisch, und verweist auf die noch größere Katastrophe: Jetzt ziehen die reichen emiratischen Falkner eben direkt an die Brutplätze des Houbara in Zentralasien und machen ihm dort den Garaus: "Manchmal ist die ganze Regierung gleichzeitig auf Jagd."

Die Liebe zum Falknern

Zwischen Abu Dhabi und Al-Ain, mitten im Nichts, versucht ein melancholischer Franzose, den Houbara in Gefangenschaft zu züchten, ein schwieriges Unterfangen, bisher kaum von Erfolg gekrönt. Wir besuchen ein paar der armen Vögelchen - die weniger nervösen - in ihren Käfigen, in Schutzanzügen, damit wir sie nicht mit weiß Gott was anstecken. Die emiratische Liebe zum Falknern hat die Spezies fast ausgerottet, sie wird sie aber auch retten.

Auf dem Weg durch die Wüste vom Vogelzentrum weg sehen wir eine Gruppe von Männern, Pflöcke im Sand aufgepflanzt, auf denen Falken hocken. Wie authentisch, Interview mit echten Wüstenmenschen, super. Aufgeregt läuft uns einer entgegen: Wir sollen uns schleunigst entfernen, Scheich Zayed kommt in ein paar Minuten. Na, jetzt bleiben wir natürlich erst recht und werden Zeugen dessen, was ein 86-jähriger millionenschwerer arabischer Staatschef unter Vergnügen versteht: Ein Konvoi von etwa zwanzig Fahrzeugen braust heran, aussteigt ein gutes Dutzend Männer, die prompt zu beten beginnen, dauert aber nicht lange.

Eine andere Gruppe von Einheimischen hat inzwischen etwa zweihundert Meter von der Gruppe mit den Falken entfernt Aufstellung bezogen, sie wacheln, schreien, werfen Dinge in die Luft, um die Aufmerksamkeit der Vögel zu erregen, die, einer nach dem anderen, ziemlich träg und desinteressiert dort hinflattern. Eher matte Sache. Ein intelligenterer Falke hat uns, die Westler-Gruppe, entdeckt und kommt angeflogen - ha, jetzt sieht uns Scheich Zayed, gleich wird er uns auf ein gefülltes Kamel einladen -, wendet sich aber sobald gelangweilt ab, Falke und Scheich. Nach einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei, die Autos werden bestiegen und ab die Post. Und wieder ist ein orientalischer Traum ausgeträumt. (Gudrun Harrer/Der Standard/rondo/14/02/2003)

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