Umgelenkte Wut

12. Februar 2003, 19:04
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Bin-Laden-Tape: Niemand glaubt den USA, dass Saddam islamistischen Terroristen bewaffnet - Von Gudrun Harrer

Der Reflex, mit dem die USA, namentlich Außenminister Colin Powell, das Auftauchen eines neuen, für authentisch gehaltenen Tonbands von Osama Bin Laden beantworten, ist psychologisch verständlich. Das schreckliche Unbehagen, die Wut darüber, dass der Verantwortliche für den 11. September 2001 vielleicht weiter lebt und gegen die USA agiert, wird gelindert, indem man sie umlenkt: vom Islamisten auf den "Sozialisten", wie Bin Laden Saddam Hussein auf dem Band bezeichnenderweise nennt (was wieder einmal schön illustriert, dass nur der Westen, weil es ihm ins Konzept passt, dem irakischen Präsidenten sein islamisches Getue abnimmt). Und so wird ein Dokument des Versagens plötzlich zum Beweisstück für die Verbindung zwischen Al-Kaida und dem Irak.

Niemand, nicht einmal der engste Verbündete Großbritannien, folgt den USA in dieser Logik, die insinuieren soll, dass die im Irak vermuteten Massenvernichtungswaffen nicht nur in den Besitz von islamistischen Terroristen gelangen könnten, sondern dass das eine politische Absicht Saddam Husseins ist. Dahinter steht natürlich auch der Wunsch, ein Argument der Kriegsskeptiker zu entkräften, die den US-Standardsatz "Wir müssen verhindern, dass Massenvernichtungswaffen in die Hände von Terroristen fallen" mit dem Hinweis zu beantworten pflegen, dass diese Gefahr in anderen Ländern - am meistgenannten Pakistan - noch größer erscheint als im Irak.

Die Sorge der Amerikaner nach 9/11, dass sich die zerstörerische Kraft von Al-Kaida potenzieren könnte, wenn sie einen Protektor findet, der im Fall des Irak ungleich mächtiger wäre als die Taliban, ist verständlich. Diese Angst zu instrumentalisieren und damit die Irakkrise populistisch als Showdown zwischen der westlichen und der islamischen Kultur definieren zu wollen ist unseriös - und passt übrigens genau in die Weltsicht Osama Bin Ladens. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.2.2003)

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