Erben und erwerben

12. Februar 2003, 19:06
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Die Debatte um den in Wien-Mitte konzipierten Hochhauskomplex reißt nicht ab. Die treffsicherste Munition der Projektgegner liefert der Titel "Weltkulturerbe", den die gleich nebenan gelegene Wiener Innenstadt trägt. Die ist schön, alt, erhaltenswürdig, keine Frage, und vor allem die Höhe der benachbarten Wien-Mitte-Häuser würde laut Projektgegnern dieser Eleganz abträglich sein. Tatsächlich ist das Scharmützel um das Weltkulturerbe, dessen Schändung und die etwaige Ab- erkennung des ehrenhaften Titels ein Sinnbild der Ohnmacht, mit der man großen Investorenprojekten in Wien begegnet.

Seit den ersten Wettbewerbsplanungen im Jahr 1990 hat sich der Bau um 30 Meter erhöht, haben sich die Kubaturen um ein Drittel vermehrt, denn der kommerzielle Druck, der auf dem heiklen Grundstück lastet, ist enorm. Fazit: Wer an dieser Immobilie irgendwann verdienen will, muss auf Fläche machen. Die Stadtplanung hat mitgezogen und entsprechend gewidmet, das Projekt ist im Laufe der Jahre groß, massig, unelegant geworden - Umstände, die seit langem bekannt sind. Erst die Erkenntnis von außen, die Innenstadt sei ein Erbe, das pfleglich zu behandeln sei, lässt nun eine Hochhaus-Gegnerschaft erstarken. Man echauffiert sich über die Höhenentwicklung und spricht geflissentlich das eigentliche Problem nicht aus: Die geplante Architektur ist kalt, brutal, unschön, weil viel zu dicht.

Wenn bloßes Kommerzdenken das Stadtbild prägt, heißt es Abschied nehmen von Architektur, denn das Erben ist eines, das Erwerben offenbar ein ganz anderes. Die Architekten haben vor dreizehn Jahren solide entworfen, die Räder der Ökonomie haben ihr Projekt zerrieben und Abscheuliches ausgespien. Ob das Weltkulturerbe gleich nebenan liegt oder nicht, sollte in der Debatte eigentlich nur eine untergeordnete Rolle spielen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 13.2.2003)

Von Ute Woltron
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