"Europa fällt weiter zurück"

12. Februar 2003, 17:55
1 Posting

Wirtschaftsforscher Felderer sieht Abstand Europas zum US-Wachstum größer werden

Wien - Ein düsteres Konjunkturbild für Europa malt der Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS), Bernhard Felderer: Die Wachstumsschwäche Europas verstärke sich wieder, der Abstand zu den Wachstumsraten der USA werde in den nächsten zwei, drei Jahren weiter wachsen. "Nach einem Irak-Krieg sehe ich eine rasche US-Erholung mit drei Prozent Wachstum, nach bereits 2,4 Prozent im Vorjahr, von denen wir weit entfernt sind", sagte Felderer im Gespräch mit der APA. Die Lage der deutschen Wirtschaft sieht er als geradezu katastrophal an.

Derzeit sei die Erholung in den USA lediglich durch die Unsicherheiten über einen möglichen Irak-Krieg unterbrochen, teilt der IHS-Chef die von US-Notenbankchef Alan Greenspan schon am Dienstag vor dem US-Senat geäußerte Einschätzung. Zudem würden sich die USA anders als die EU erfahrungsgemäß immer sehr rasch von wirtschaftlichen Schocks erholen, so Felderer anlässlich eines Vortrags am Mittwochabend in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ).

"Bild Deutschlands katastrophal"

Auch in Europa werde es nach Lösung der Irak-Frage eine Erholung geben - auf Grund der strukturellen Probleme vor allem Deutschlands aber ungleich schwächer. Die USA hätten hier den Vorteil einer größeren Flexibilität, etwa auf dem Arbeitsmarkt, aber auch bezüglich der Herausforderungen der Globalisierung. Dies einfach als Rückkehr zum Manchester-Liberalismus abzuqualifizieren, wäre falsch.

Deutschland weise derzeit durchwegs schlechte Daten auf - begonnen von den Auftragseingängen bis hin zur Binnennachfrage: "Die ist in Österreich auch nicht berauschend, in Deutschland aber katastrophal." Das IHS werde daher bei der bevorstehenden Frühjahrsprognose der heimischen Institute die Vorhersagen für Deutschland senken müssen und in diesem Lichte auch den Ausblick für Österreich unter die Lupe nehmen.

Das US-Wachstum werde auf absehbare Zeit wieder um ein bis zwei Prozent über jenem Europas liegen - wie bereits in den 80er und 90er Jahren, mit Ausnahme des recht kurzen Wiedervereinigungsbooms in Deutschland. Daher sei auch das hehre Ziel der EU, die Union bis Ende des Jahrzehnts zur wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsregion der Welt zu machen, "mehr als unrealistisch", so Felderer.

Risiken

Besondere Risken für Europa sieht der IHS-Chef derzeit in dem durch die Dollar-Schwäche festen Euro, der die Exporte in den Dollar-Raum dämpft, ferner im bereits seit längerem unerwartet hohen Ölpreis sowie in der Nervosität an den Finanzmärkten. Bleibe der Euro bei 1,07 bis 1,08 Dollar, werde dies zweifellos eine "Bremsspur" nach sich ziehen: Zu spüren bekäme dies ganz Europa, vor allem aber Deutschland. An den Börsen, wo wegen der Irak-Unsicherheit eine klare Orientierung fehle, müsse wieder eine Beruhigung einkehren: Rückwirkungen auf die reale Wirtschaft würden nämlich reales Wachstum und damit auch Wohlstand kosten, gibt Felderer zu bedenken. (APA)

Link

IHS

Share if you care.