Peter Handke wird "von Tag zu Tag zorniger"

12. Februar 2003, 19:34
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Der Schriftsteller fordert Schweigen Europas und Entwaffnung der USA - Kollege Turrini hält Bush für Husseins "westliche Entsprechung"

Wien - "Den Irak hätte man vor zehn Jahren entwaffnen müssen, als dort die Kurden gekillt und die Schiiten vernichtet wurden. Aber was soll das jetzt? Man soll lieber Amerika entwaffnen. Das wäre die Lösung, denn die haben die schlimmsten Waffen", erklärte der Schriftsteller Peter Handke in einem Interview für die Wiener Info-Illustrierte "News". Gleichzeitig übte er ebenso scharfe Kritik an den europäischen Mächten Frankreich und Deutschland, die einen Irak-Krieg ablehnen: "Plötzlich sind alle diese Verbrecher für den Frieden."

"Man hat schon argumentiert, man müsse Afghanistan angreifen, damit die armen Leute in den Twin Towers nicht umsonst gestorben sind. (...) Jetzt will man, schon wieder in ihrem Namen, noch mehr Iraker töten, obwohl schon im ersten Golfkrieg Hunderttausende gestorben sind. Im Namen des Christentums und des Geldes werden die Opfer aus den Twin Towers noch einmal geopfert. Das ist das Christentum heute", sagte Handke.

"Keiner spricht mehr von Jugoslawien"

Zu den gegenwärtigen europäischen Protesten gegen die US-amerikanischen Kriegsvorbereitungen bemerkte der Autor: "Ich werde von Tag zu Tag zorniger. Plötzlich sind alle gegen den Krieg. Sogar Monsieur (Jacques) Chirac (der französische Präsident, Anm.) spricht davon, dass alles sein Recht haben muss. Aber in Jugoslawien, das mitgeholfen hatte, die Welt vom Nazitum zu befreien, war das Recht völlig egal (...) Das Recht war unwichtig, jetzt muss es plötzlich gewahrt werden. Deshalb will ich nicht mit dem Gesindel, das den Krieg gegen Jugoslawien befürwortet hat, in irgend etwas einstimmen. Die europäischen Staaten haben sich für alle Zeiten strafbar gemacht. Jetzt haben sie in Jugoslawien ihren Blutdurst gestillt - vor allem Deutschland hatte da ja einen gewissen Nachholbedarf -, und plötzlich sind alle diese Verbrecher für den Frieden."

"Keiner spricht mehr von Jugoslawien, obwohl man (Ex-Präsident Slobodan) Milosevic mit Saddam Hussein ebensowenig vergleichen kann wie mit Hitler", so Handke. Man begehe ein "semantisches Verbrechen, wenn man etwas Unvergleichliches wie die KZs mit irgendwelchen Internierungslagern vergleicht: Unter diesem Vorwand hat Deutschland Jugoslawien angegriffen. Alle tatsächlichen Verbrechen beginnen mit semantischen Verbrechen."

Nicht weniger schießwütig

Der Schriftsteller Peter Turrini erklärte seinerseits laut "News": "Natürlich verabscheue ich Saddam Hussein, die arabische Ausgabe eines mordlustigen Revolverhelden - aber ich halte George Bush für seine westliche Entsprechung: Nicht weniger schießwütig, von gleicher emotioneller und geistiger Beschränkung, einherschreitend in der Pose des Rächers, cool wie ein Marshal der Vereinigten Staaten..." (APA)

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    Peter Handke

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