Raub von lebenden Naturdenkmälern

12. Februar 2003, 11:37
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Organisierte Banden verschleppen uralte Ölbäume in den Norden von Italien

Fast liebevoll fährt Gianfranco Giglio mit der Hand über den Stamm des mächtigen Ölbaums. "Der ist fast ein halbes Jahrtausend alt", versichert der Architekt aus Ostuni im süditalienischen Apulien. Der Stamm zeigt Spuren von Gewaltanwendung. Er war bereits ausgegraben und auf einen Lkw verladen worden, als er beschlagnahmt und im Stadtpark von Ostuni eingepflanzt wurde.

Bestimmt war er für einen Garten irgendwo zwischen Turin und Triest, wo Villenbesitzer für solche Zierstücke locker 10.000 Euro hinblättern. Gianfranco Giglio wertet den schwungvollen Handel als "massive Bedrohung der alten Kulturlandschaft". Der Aktivist der Umweltschutzorganisation Legambiente ruft zur Mobilisierung gegen den "Raubbau an der Natur Apuliens" auf. Längst haben sich professionelle Banden auf das Ausgraben der Bäume spezialisiert.

Aktion mit Bagger

"Sie agieren meist im Morgengrauen", weiß Benedetto Rizzello. Der Kommandant der Carabinieristation von Triggiano bei Bari hat bereits zahlreiche Diebe verhaftet: "Sie wählen meist abgelegene Olivenhaine aus, rücken mit dem Bagger an und kürzen die größeren Äste. In wenigen Stunden ist alles erledigt."

Doch nicht immer werden die Bäume gestohlen. Immer mehr Bauern lassen sich vom schnellen Gewinn locken. Denn der Olivenanbau ist mühsam und die Billigkonkurrenz aus Nordafrika und der Türkei verdirbt zunehmend das Geschäft.

"Mit jedem Ölbaum verschwindet ein Stück meiner Region ", klagt Antonio Barile. Der Vorsitzende des apulischen Bauernverbandes fühlt sich "in die Zeit Napoleons zurückversetzt, als das Raubgut nach Norden abtransportiert wurde". Er fordert "effizientere Kontrollen".

Doch das bleibt ein frommer Wunsch. Zwar ist der Dieb-stahl strafbar, doch der Handel bewegt sich juridisch in einer Grauzone. Ein Gesetz von 1951 gibt den Bauern die Möglichkeit, einen Teil ihrer alten Bäume durch neue, ergiebigere zu ersetzen.

Große Nachfrage

Die Nachfrage ist offenbar groß. Im Internet kann sich jeder aus den Farbprospekten großer Gärtnereien das gewünschte Exemplar auswählen und frei Haus liefern lassen. Die Zahl der jährlich aus Apulien verschwindenden alten Ölbäume wird auf mehr als 1200 geschätzt. Fulco Pratesi, Präsident des italienischen WWF, hat bereits die Unesco aufgefordert, Ölbäume mit einem Alter von mehr als 200 Jahren zu Naturdenkmälern zu erklären. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2003)

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    Ölhaine

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