Wende zum Charme

11. Februar 2003, 22:28
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Schwarz-Grün wäre charmant - eine Kolumne von Günter Traxler

"Wende" war das Schlagwort der letzten Saison. Und es hatte programmatisches Gewicht, galt es doch wegzukommen vom Sozialschmarotzerstaat mit Parteibuchwirtschaft, hin zu "Neu regieren", was auch heißen sollte: "Nicht in Legislaturperioden, sondern für Generationen denken" (Wolfgang Schüssels in seiner Regierungserklärung vom 9. Februar 2000). Und das ging nun einmal nur mit den Freiheitlichen.

Anders als die Parteibuchwirtschaft hat sich das Denken für Generationen nicht als übertrieben nachhaltig erwiesen - die schwarzen Denker und ihre blauen Nachdenker haben nicht einmal eine Legislaturperiode durchgehalten. Dennoch sei die Wende für Österreich großartig gewesen und noch immer eine Fortsetzung wert, denn es gehe darum, der andrängenden rot-grünen Hölle zu wehren, wurde uns dann im Wahlkampf versichert. Wobei insbesondere die Grünen als außerhalb jeglichen sittlichen Verfassungsbogens stehend qualifiziert wurden, als Menschen, die ihre Freizeit vor allem damit verbringen, bürgerlich-christliche Grundwerte mit Füßen zu treten, Hostienschänder harmlos dagegen.

Diesmal dauerte es nur zwei Monate, bis sich herausstellte, wie wenig nachhaltig auch dieses Denken war; genug schließlich, dass es im Wahlkampf seine Wirkung bewiesen hat. Einerseits nach wie vor klar: Grün mit Rot wäre die Hölle. Andererseits neue Wende: Grün mit Schwarz - da geraten Bauernbündler mit einem Mal in Verzückung ob des Charmes, den sie aus der heimatlichen Scholle dampfen sehen. Erwin Pröll, Landeshauptmann von Fantasia und eben noch Freund einer großen Koalition, lallt in Zungen "fantasievoll", und Feinkostgreißler Molterer wirft einen Blick ins Regal, um festzustellen, dass "grünes Gedankengut in der geistigen Tradition der ÖVP" lagere. Nur Cato erweist sich als halsstarriger Greis, der bei den Grünen noch immer "die radikalen Trotzkisten, Maoisten und Kummerlgestalten zurückzudrängen" fordert - die ÖVP stören sie gar nicht. Und haufenweise Leute, die sich überkugeln vor Begeisterung über Schüssels Charmewende, weil wen interessiert hierzulande heute noch, was einer gestern gemeint hat?

Nicht einmal die Grünen. Dass sie auch einmal regieren wollen, ist legitim und ihnen nicht vorzuwerfen. Aber diese Bereitschaft, auf Pfiff zu reagieren, wenn Schüssel sich in Europa für seine Wendefreunde von gestern zu genieren beschließt, und - jetzt nur keine Bedingungen, 's könnt' ihn ärgern! - als Koalitionsersatz für die Freiheitlichen einzuspringen, lässt grüne Grundsatztreue in einem leicht diffusen Licht erscheinen, noch ehe die Verhandlungen richtig begonnen haben. Jahrelang als Brandstifter verteufelt, plötzlich als charmante Biedermänner umgarnt - natürlich tut das gut. So gut, dass man gleich gelobt, schon zufrieden zu sein, wenn man nur 30 Prozent dessen durchsetzt, was man im Programm hat.

Selbst wenn sie das erreichen sollten, ist dieser vorauseilenden Bescheidenheit hinzuzufügen, dass die Grünen in einer Regierung auch für die 70 Prozent der Volkspartei voll mitverantwortlich sein würden. Anders als die Haider-FP, deren Hauptfunktion in den Augen der Wähler darin bestand, den Ärger über die "Altparteien" zu artikulieren, was nur aus der Opposition gelungen ist, hätten die Grünen bei ihren Werten in einer Koalition mit der ÖVP rasch ein Glaubwürdigkeitsproblem, vor allem bei ihren Stammwählern. Diese mit dem Trost abzuspeisen, ein schwarz-grünes Engagement sei allein schon deshalb gerechtfertigt, weil es die FPÖ zur Bedeutungslosigkeit verurteile, wäre indes - abgesehen davon, dass sich das erst erweisen muss - ziemlich dürftig. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 12.2.2003)

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