Teure Nato-Trümmer

11. Februar 2003, 19:39
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Die Krise im transatlantischen Bündnis könnte am Ende die Europäer zusammenschweißen - Von Jörg Wojahn

Wirkte das Prinzip der kommunizierenden Röhren auch in der Politik, hätte die EU in diesen Tagen gewisse Aussichten auf baldigen Machtzuwachs. Diejenigen - vor allem in Paris, aber auch in Wien -, die sich eine EU-Verteidigungspolitik ohne die Nato wünschen, dürften sich freuen: Die Krise im transatlantischen Bündnis könnte am Ende die Europäer zusammenschweißen. Mit dem Niedergang der Nato würde das Bedürfnis nach einer kollektiven Beistandspflicht in der EU wachsen. Die ungeliebten USA wären aus dem Spiel.

Doch auf den Trümmern der Nato wird keine EU-Verteidigung blühen. Im Gegenteil: Wenn aus der "Nato-Röhre" etwas abfließt, wird das auch die kommunizierende "EU-Röhre" leeren. Denn der Abschied der übermächtigen USA aus Europas Verteidigungssystem würde zu Diadochenkämpfen zwischen den übrig gebliebenen Mächten - zunächst Frankreich und Großbritannien - führen. Und ob Berlin sich immer noch so unreflektiert an Paris binden wird wie derzeit, ist zu bezweifeln. Die EU-Kleinen jedenfalls müssen sich dann entscheiden.

Diese Situation würde nicht nur negative Energien freisetzen. Sie würde auch politische und diplomatische Energien verzehren, die dem EU-Einigungsprozess dann fehlen. Weil jenseits des Atlantiks heute noch der große Bruder darauf achtet, dass militärische Sicherheit herrscht, ersparen sich die Europäer viele praktische und finanzielle Sorgen. Bei einem Bedeutungsverlust der Nato zahlen dann vor allem die neutralen EU-Staaten drauf. In der derzeitigen Konstellation profitieren nämlich auch sie indirekt von der Sicherheit, die die Nato ausstrahlt. In einer neuen, labilen Lage müssten sie - sicher nicht unentgeltlich - eine Schutzmacht suchen oder selbst ihr Militär stärken.

Es gibt ein anderes Szenario: Die neuen, US-treuen Nato-Staaten, von denen die meisten bald zur EU gehören, könnten das Bündnis stärken, indem sie die Union enger an die Nato binden. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2003)

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