Lord George Robertson, Nato-Generalsekretär in delikater Situation

11. Februar 2003, 19:36
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Der Lord soll für Frieden in der Nato sorgen

Lord George Islay MacNeill Robertson of Port Ellen stammt aus kleinen Verhältnissen. Er wurde 1946 auf der Hebriden-Insel Islay geboren - einer rauen schottischen Whisky-Gegend. Sein Vater war Polizist, ebenso wie ein Großvater.

Seinen wohl klingenden Titel verdankt der Baron dem Krieg: Im August 1999 wurde er von der Queen in den Adelsstand erhoben - nicht zuletzt als Anerkennung für seine unbeugsame Haltung als britischer Verteidigungsminister gegenüber dem serbischen Diktator Slobodan Milosevic und während der Kosovo-Krise, die zum ersten "heißen" Krieg der Nato im Frühjahr desselben Jahres geführt hatte.

Im Spätsommer 1999 trat der lebenslange Vollblutpolitiker von der britischen Arbeiterpartei (und enge Gefolgsmann des ebenfalls aus Schottland stammenden Premierministers Tony Blair) dann sein neues Amt als Generalsekretär der Nato mit Sitz im Hauptquartier in Brüssel an. Wegen seines Vorgängers grundsätzlich keine leichte Aufgabe: Denn Lord Robertson löste Javier Solana ab, der seinen Dienst in der Allianz sehr erfolgreich erledigt hatte. Der frühere spanische Außenminister hatte nicht nur das historische Abkommen zwischen Nato und Russland und die erste Erweiterungsrunde nach Osteuropa als Erfolg vorzuweisen. Solana war es auch gelungen, die tiefen Gräben zwischen den USA einerseits und Frankreich andererseits in Bezug auf ein militärisches Vorgehen gegen Milosevic mit feinster diplomatischer Klinge zu überbrücken. Dafür wurde er dann mit dem Posten des ersten "Mister Außenpolitik" der EU belohnt.

In einer ähnlichen, aber weitaus dramatischeren Situation findet sich jetzt der - wie Solana - tief überzeugte Europäer Robertson wieder: Die Nato steht wegen der Irakkrise vor der Zerreißprobe. Und als höchster politischer Funktionär des Bündnisses muss vor allem Robertson Lösungen und Kompromisse zwischen den Regierungen vermitteln.

Das wird dem "Falken" Robertson vom Typ her schwerer fallen als der wendigen "Taube" Solana. Die europäischen Allianzpartner verdächtigen den Briten, ein allzu eilfertiger Gehilfe der Amerikaner - genauer der Scharfmacher im Weißen Haus - zu sein. "Als Generalsekretär befinde ich mich mitten auf dem Atlantik zwischen Europa und Amerika. Da ist es kalt und nass. Aber das ist mein Job", quittierte Robertson seine persönliche Situation.

Dabei hat er überaus friedfertige Seiten, zum Beispiel als Vorkämpfer gegen privaten Waffenbesitz in seiner Heimat. Robertson hat sich als langjähriger Unterhausabgeordneter und Minister auch als Kämpfer für Menschenrechte einen Namen gemacht.

Der Lord ist verheiratet und hat zwei Söhne. (Thomas Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2003)

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