Fragen Sie die Expertin - die Antworten

13. Februar 2003, 17:26
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Zum nicht unsensiblen Thema des Kinderskilaufs

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  • Familie HEITMANN: Sehr geehrte Frau Werdenigg! Unsere Tochter ist 3 Jahre alt und war im heurigen Schiurlaub total begeistert vom Schifahren und ihre Lieblingssendungen im Fernsehen sind Schirennen. Wir denken deshalb daran sie als Rennläuferin auszubilden. Ab welchem Alter sollen wir mit dem Training beginnen? Mit welchem Zeitaufwand muss man rechnen? Wie beginnt man mit dem Kindertraining? Gibt es Schifirmen oder Vereine die Ausrüstung gratis oder günstig zur Verfügung stellen? Welche Tipps können Sie uns geben?

    Hochachtungsvoll A. und S. Heitmann Wien

  • NICOLA:

    Voraussetzungen

    Polyvalente Bewegungserfahrung (auf Schnee) sollte in der Entwicklung bis 14 Jahre vorrangig sein. Dabei ist alles sinnvoll was Spaß bereitet. Besonders auch Snowboarden, Bigfoot und Skwal; mit Skis von Anfang an oft auf die Stöcke verzichten und "Waldwegerln", Schanzen, Funparks nicht nur "erlauben", sondern nach Lust und Laune fördern. Gezieltes Stangentraining ist, bevor Ihre Tochter eine rundum perfekte Skifahrerin ist, – Umgang mit Geschwindigkeit und geschnittenen Turns , Einteilung von Geländeformen und Piste, Rhythmus- und Tempokontrolle - nicht nur sinnlos, sondern kontraproduktiv, da unzulängliche Motorik automatisiert wird. Geduld ist also die wichtigste Voraussetzung, wenn wirklich Erfolge eintreten sollen. Spätestens für das Stangentraining werden Sie Anschluss zu einem Skiclub benötigen (Material, Pistenpräparierung, Kurssetzen, Zeitnehmung, Coaching...) Ich persönlich stehe einem vollen Kinderrenn- und Trainingsprogramm äußerst skeptisch gegenüber; auch Franz Klammer, Annemarie Pröll und Hermann Maier sind nicht den Weg der "Kinderselektierung" gegangen!

    Ausrüstung

    Wenn Ihre Tochter voll ausgerüstet in der Rennszene mitmischen soll, können sie schon bei Sechsjährigen pro Saison mit drei Paar Ski (immer perfekt getunt) plus Sturzhelm, Rennanzug, Skischuhen und Stöcken rechnen. Das ist ein teurer Spaß, für den Sie kaum Mäzene finden werden; sogar Juniorenweltmeister müssen sich oft noch ohne Vollsponsoren durchschlagen.

    Zeitaufwand

    Als Städter müssen Sie viel mehr Zeitaufwand wie Bewohner alpiner Regionen kalkulieren, die im Winter mindestens drei bis viermal wöchentlich trainieren und fast jedes Wochenende bei Bewerben verbringen - beziehen Sie Anreisen in Trainingsgebiete und zu Skirennen mit ein, im Frühling und Herbst auch in Gletscherskigebiete - ein paar Tage in den Ferienzeiten oder sonnige Weekends sind nicht genug. Tipp: suchen sie Fahr- und Trainingsgemeinschaften mit gleichgesinnten Eltern in Ihrer Umgebung.

    Chancen

    Von den dreihundert besten Kindern eines Bundeslands zwischen sechs und zehn schaffen, wenn überhaupt, nur ein bis zwei den Weg bis in das Nationalteam. Erst von dort kann unter einem sehr harten Ausleseverfahren der Schritt in die Weltelite erfolgen. Die Struktur des österreichischen Skiverbandes verbraucht im Kampf um permanente Stockerlpräsenz einiges an Kanonenfutter.

    Tipp als Mutter und Rennläuferin

    Fast alle Kinder haben einen ganz natürlichen Bewegungsdrang, sobald aber an die Stelle des spielerischen Herumtollens der organisierte Sport tritt, sollte das Kind mit fundiertem Wissen, selbstloser Liebe und ohne Projektionen begleitet werden. Denn unerreichbare Vorbilder und elterlicher - selten auch eigener - falscher Ehrgeiz schaffen einen zu hohen Leistungsdruck. Dieser Druck führt selten zum Erfolg, häufig aber zu körperlichen und seelischen Schäden, und mit Sicherheit geht das Fundament für ein erfülltes Sportlerleben verloren: die Freude an Bewegung und Spiel. Für Ihren "Skiweg" empfehle ich Ihnen dringend noch möglichst viel "zweckfreien" Spaß im Schnee. Sollte Ihre Tochter im Volksschulalter noch ähnliche Ambitionen zeigen, haben Sie dann bestimmt noch genug Zeit ihr Talent gezielt zu fördern.


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    www.kunstpiste.com
    kurven, schnee und menschen eine schneegazette von nicola werdenigg & friends

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