österreich isst brei!

12. Februar 2003, 13:48
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Ernst-Jandl-Oper "die humanisten" im Porgy & Bess

Wien - "österreich sein ein kulturenland ein schön schön kulturenland", und Kultur, die ist für die kulturgenießende Schicht des Landes - das humanistisch gebildete Bürgertum - dann halt doch immer noch Burgtheater, Wiener Staatsoper, Gustav Klimt, Wiener Konzerthaus und natürlich auch eine Barbara Rett, die mit klarem, feinem, bestimmtem Ton die diesbezüglich Wichtigen zum distinguiert-diskursiv-televisionären Pas de deux bittet.

Früher - wir fokussieren jetzt speziell die Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts - soll das Ganze ja noch viel schlimmer, zugeschnürt-elitärer gewesen sein; die Quellen berichten von wüsten Kulturkämpfen, die sich zugetragen haben zwecks Ausbruchs der Kulturschaffenden aus der miefig-verklemmten Käseglocke des vermeintlich Hoch- kulturellen.

Im Jahr 1977 hat der Dichter Ernst Jandl sein Konversationsstück die humanisten verfasst, literarisch reagierend auf die erhitzten Publikumsreaktionen auf Wolfgang Bauers Gespenster: "heute in kunst viel nicht gut sein", heißt es bei Jandl, "pfui gack." Spiralisch mäandrieren die zwei konversierenden und dabei auch dinierenden Protagonisten - ein "kunstler" und ein "universitäten professor" - durch die großen humanistischen Themenfelder Kunst und Wissenschaft, Religion, Parteipolitik und Sex.

Jandl kreiert in seinem enorm pluralpotenten und infinitivintensiven Text eine Art imaginatives österreichisches Gastarbeiterdeutsch und konterkariert so das bildungsbemühte und wichtigtuerische Geschwafel der beiden Herrschaften auf das Witzigste, Böseste, also Jandlschste. Schmatz!

Der türkischstämmige, in Deutschland aufgewachsene, 1957 geborene Komponist Erhan Sanri hat Jandls Stück im 2000er-Jahr zu einer "Konversationsoper" ausgebaut, das Textmaterial dabei gekonnt umgestellt und mit einer einmal ironisch kommentierenden, dann wiederum anschau- lich illustrierenden Musik unterlegt - so reduziert, bizarr, kauzig-kurios, komödiantisch, pointiert und reich wie der Text selbst.

Dirigent und Regisseur Petrus von Herberstein leitete die glamouröse und promidurchsetzte Premiere des Gastspiels seiner "opera piccola bremen" im Jazzclub Porgy & Bess mit Routine und Feingefühl - die drei Musiker und drei Akteure spielten brav, agierten witzig - und sangen dann aber eher so lala. Für alle Jandl-Mandl und -Frau'l ein Muss! (DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2003)

Von Stefan Ender

Porgy & Bess
1010 Wien
Riemergasse 11
01/512 88 11

Noch bis 15. 2.
jeweils 19:30 Uhr

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