Streit um Echtheit von "Bin Laden"-Tonband

12. Februar 2003, 18:14
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USA sieht Kooperation Irak-Al Kaida - Irak: "Vorwand" - Deutschland: Kein Zusammenhang - London befürchtet Terroranschlag nach der Hadsch

Berlin/Washington/London - Die Bedeutung der jüngsten Tonband-Botschaft des islamistischen Extremisten-Führers Osama bin Laden wird unterschiedlich eingeschätzt. Im Gegensatz zu den USA sieht Deutschland in der Bin Laden zugeschriebenen Tonbandaufzeichnung keinen Beleg für eine Zusammenarbeit zwischen dessen Organisation Al Kaida und dem Irak. US-Außenminister Colin Powell hatte den Inhalt des Bandes am Dienstag als Beleg für eine solche Kooperation gewertet. Der Chef des US-Geheimdienstes CIA, George Tenet, rechnete mit Terroranschlägen nach Abschluss der islamischen Pilgerfahrt Hadsch. Auch die britische Regierung sieht eine echte Terrorgefahr.

Bagdad: "Verzweifelter Versuch"

Der Irak hat den USA vorgeworfen, das vom arabischen Fernsehsender "Al Jazeera" (Katar) ausgestrahlte Tonband mit der angeblichen Stimme des Terrordrahtziehers Osama bin Laden als "Vorwand" für einen Angriff zu benützen. Die US-Regierung versuche jetzt "verzweifelt", eine Verbindung zwischen dem Irak und Bin Ladens Terrororganisation Al Kaida herzustellen, um die Entfesselung eines Krieges zu rechtfertigen, sagte der Vorsitzende der irakischen Parlamentskommission für arabische und internationale Beziehungen, Salem al Kubaisi, in Bagdad.

Deutschland sieht keine Verbindung

"Aus dem, was bisher bekannt ist, glauben wir, keine Rückschlüsse darüber ziehen zu können, dass es Belege dafür gibt, dass eine Achse oder enge Verbindung zwischen dem Regime in Bagdad und Al Kaida besteht", sagte der Vizeegierungssprecher Thomas Steg am Mittwoch in Berlin. Al-Kaida-Aktivisten hätten sich nach der Zerschlagung ihrer Strukturen in Afghanistan verstärkt auf den medialen Kampf verlegt, auch unter Hinzuziehung des arabischen Senders "Al Jazeera". "Insofern ist das jetzt im Rahmen der politischen Propaganda von Al Kaida nicht ganz überraschend, auch der Ton, scharfe Kritik auch an dem Regime in Bagdad und zugleich die Warnung an die Vereinigten Staaten von Amerika."

Das Tonband wird unter anderem von Experten in Deutschland untersucht. Aus den deutschen Sicherheitskreisen hieß es, das Band sei nach den bisherigen Erkenntnissen als echt einzustufen. Dies sei unter anderem an der Wortwahl auf dem Band erkennbar. Weitere Details könnten noch nicht genannt werden. Die Innenministerien von Bund, Bayern und Baden-Württemberg sowie die Polizei in Berlin erklärten, es bestehe keine erhöhte Anschlagsgefahr in Deutschland. Die Sicherheitsvorkehrungen seien bereits sehr hoch und würden derzeit nicht weiter verschärft.

Eine angebliche Verbindung zwischen dem Irak und der Al Kaida ist für die USA ein zentrales Argument für ihr Vorgehen gegen den Irak. Die US-Aktienmärkte hatten auf Powells Äußerungen mit Kursverlusten reagiert. CIA-Chef George Tenet hatte zudem erklärt, es gebe Hinweise, dass es schon Ende der Woche zu Attentaten in den USA oder auf der arabischen Halbinsel kommen könnte. Die Hinweise deuteten zudem auf Pläne, wonach möglicherweise radioaktiv verseuchte, sogenannte "schmutzige" Bomben sowie Chemikalien zum Einsatz kommen könnten. "Wir sehen beunruhigende Zeichen, dass Al Kaida sowohl im Iran als auch im Irak Strukturen errichtet hat." FBI-Direktor Robert Mueller warnte, Al Kaida könne ohne Vorwarnung losschlagen. Die größte Bedrohung liege in den Al-Kaida-Zellen in den USA.

Auf dem Tonband, das am Dienstagabend von "El Jazeera" ausgestrahlte wurde, erklärt der Sprecher, zwar seien die Sozialisten im Irak Ungläubige. "Es schadet (aber) nicht, dass unter den jetzigen Umständen die Interessen der Moslems mit den Interessen der Sozialisten im Krieg gegen die Kreuzritter übereinstimmen." Auf dem Band wurde überdies zu Selbstmordattentaten aufgefordert. Die Iraker wurden aufgefordert, angesichts der Militärmacht der USA nicht zu verzagen. Al Kaida habe in Afghanistan gelernt, wie US-Bombardements ohne große Verluste überstanden werden könnten.

Britische Regierung: "Das ist kein Spiel"

Das Ausmaß der Bedrohung Londons nach einem Terroralarm am Flughafen Heathrow blieb am Mittwoch weiter unklar. Die britische Regierung stellte die Gefahr auf eine Stufe mit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001. "Das ist kein Spiel. Hierbei geht es um eine Bedrohung von der Art, die zum Tod von Tausenden von Menschen in New York geführt hat", sagte John Reid, Minister ohne Geschäftsbereich in der britischen Regierung, in Manchester. Londons Bürgermeister Ken Livingston meinte hingegen, es habe "keine unmittelbaren Hinweise" auf einen geplanten Anschlag gegeben. Der Londoner Flughafen Heathrow wird seit Dienstag von 450 Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen und zusätzlich 1000 Polizisten bewacht.

Innenminister David Blunkett sagte, es habe auch Überlegungen gegeben, den größten europäischen Flughafen zu schließen. Dies wäre jedoch ein Sieg für die Terroristen und katastrophal für die britische Wirtschaft gewesen. Die Regierung habe am Montag von der Bedrohung erfahren, sagte Blunkett. Bürgermeister Livingston meinte jedoch, er wisse seit "einigen Wochen, wenn nicht Monaten" von einer möglichen Gefahr für Heathrow. Britische Medien zitierten am Mittwoch einen Terrorexperten, der einen Raketenanschlag der Terrororganisation El Kaida auf ein startendes Flugzeug für denkbar hält. Die Kriminalpolizei Scotland Yard wies darauf hin, dass El Kaida das Ende des islamischen Opferfestes (APA/Reuters/dpa)

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    Angebliche Tonbandstimme Osama bin Ladens: "Jede Zusammenarbeit mit den Amerikanern gegen Irak ist gegen den Islam gerichtet"

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