Usability von Websites erhöhen

13. Februar 2003, 11:39
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Mit gesundem Menschenverstand kann eine Menge für Leser getan werden - Vorabdruck aus dem Buch "Spicy Websites"

Der WebStandard präsentiert einen Vorabdruck aus dem Buch „Spicy Websites" aus dem Markt+Technik Verlag.

Usability ist eines dieser Schlagwörter, die in jeder zweiten Diskussion über Websites auftauchen. Und nicht immer führt der Abtausch von Argumenten über das Design einer Oberfläche schon zu guten Ergebnissen. Dabei ist es lange nicht so einfach mit dieser "Gebrauchsfähigkeit" der Interfaces, wie das Jacob Nielsen in seinen Büchern vermitteln mag. Aber sein Ansatz ist sicher richtig: Mit gesundem Menschenverstand und einem mutigen Schritt auf den Seiten kann schon eine Menge zugunsten der Leser getan werden.

Und für die tut man das alles ja. Das sollten wir nie vergessen. Ausgerechnet eines der besten HTML-Magazine im deutschen Sprachraum haben wir uns vorgenommen. Dr. Web ist so schlecht nicht aufgebaut. Aber ein paar kleiner Dreher am Interface und weitaus mehr Überlegungen zu Kosten/Nutzen der Inhalte machen klar, worauf es bei Webseiten immer mehr ankommen: den Wert für den Kunden sofort sichtbar zu machen.

www.drweb.de oder "Gelb als Zeichen"

Wissensvermittlung über das Internet im Internet scheint ein Glücksfall zu sein. Schließlich kann man ja alles, was man sagen will, auch gleich zeigen. Aber ganz so einfach ist es nicht, denn man kann nur das zeigen, was Nutzer auch verstehen (wollen) und finden (können). Es gibt im deutschen Web eine anregende Website zu den Themenbereichen "Webprogrammierung" und "Webgestaltung". Und diese wollen wir uns ein wenig genauer anschauen.

Seit den Schriften von Lynda Weinman (http://www.lynda.com) und David Siegel (http://www.killersites.com) Mitte der 90er ist Usability ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation über Websites geworden. Allerdings haben beide diese Dinge sehr auf Grafik und Typographie im Netz bezogen. Wir wollen am folgenden Beispiel zeigen, dass der Gebrauch von Webinhalten schon auch von deren redaktioneller Aufbereitung abhängt. Ideal dafür ist ein sehr nutzwertig angelegtes Online-Magazin, das wir sozusagen als Rohdiamanten anschauen wollen, um mit ein paar kleinen Änderungen das Optimum aus den angebotenen Inhalten zu holen. Wir haben dabei eine Medieneigenheit zu behandeln, die alle Websites betrifft. Nie war es billiger, theoretisch unendlich viele Texte in theoretisch unendlich langer Form auf dem World Wide Web zu publizieren. Allerdings war es selten anstrengender, diese Inhalte auch zu lesen. Bildschirme mit ihrer Auflösung von 72 dpi sind hier einfach immer noch anstrengend für die Augen. Der Tablet-PC ist sicher schon ein Schritt nach vorne, aber digitale Abbildungen sind noch nicht da, wo abgebildetes Wort schon seit 5.500 Jahren ist. (Papyrus ist seit 3.500 v. Chr. bekannt, Pergament seit 2.700 v. Chr.)

"Dr. Web" - Was Webworker wissen wollen

‘Dr. Web’ ist das Online-Magazin für Webdesigner und Homepage-Künstler. Es wird bereits seit 1997 von der ‘drweb.de AG i. Gr.’ herausgegeben. Prägnant, kreativ und verständlich! ‘Dr. Web’ ist fester Bestandteil der aktiven Internetszene. Unsere Leser machen das Internet! ‘Dr. Web’ wird von über 300.000 Menschen monatlich gelesen.“ So steht es im Impressum (http://www.drweb.de/impressum.shtml) von drweb.de, einem Online-Magazin für engagierte Webprofis aber auch Amateure. Mit Stand Herbst 2002 waren 1.800 Artikel über Coding, Grafik und Online-Marketing verfügbar. Das ganz in gelb auftretende Zine dürfte vergleichbar mit Webmonkeys (http://hotwired.lycos.com/webmonkey/) sein, das seit 1996 als Ableger von Hotwired (Also der ehemaligen Online-Redaktion der Zeitschrift Wired) in den USA ähnliche Tipps gratis per Web verteilt. Und dabei ist das Wort "gratis" durchaus in einem größeren Zusammenhang zu sehen, denn im Gegensatz zum "großen" Kollegen in den USA finden sich hier keine Werbe-Anzeigen auf der Site. Höchstens in eigener Sache. Aber dazu später.

Alles

Sven Lennartz, Gründer und Vorstandsvorsitzender der drweb.de AG, drückt das Entstehen der Website so aus: Für uns ist die Website nicht ein Anhängsel, ein Projekt oder eine Abteilung, sondern alles. Und sie wurde auch nicht geplant, budgetiert und gelauncht, sie hat sich quasi ‘natürlich’ entwickelt, ohne dass es vorher die Idee gab, ein Magazin daraus zu machen. Und das ist dann etwas anderes, als wenn ein Verlag meinte, mal ins Internet zu müssen. Entsprechend sind auch die Arbeitsprozesse; wir machen ja nichts anderes ;-) Als eines der wenigen Beispiele im deutschsprachigen Web (sicher zählt hier auch Telepolis – http://www.telepolis.de – von Florian Rötzer dazu; allerdings hat dieses E-Zine den Heise-Verlag hinter sich) kann Dr. Web als primäre Online-Plattform gelten, die sich durch Zweitverwertung im Print finanziert.

Das zweite Standbein ist die Idee einer Aktiengesellschaft (http://www.drweb.de/foerdermitglied.shtml), die weniger mit einem Börsengang als mit einem Genossenschaftsmodell zu tun hat. Mit dem Erwerb von einem oder mehr Anteilsscheinen von je E 50,– können Leser Aktionäre werden. Eine Form der Lesermitgliedschaft, die sich sicher angenehmer als ein Abonnement liest, zumal hier auch ein echter Mehrwert für Aktionäre entstehen kann. Und sicher auch ungewöhnlich: Die Liste der Aktionäre veröffentlicht Dr. Web auch (http://www.drweb.de/foerdermitglied-liste.shtml). Allerdings wäre es allein damit wohl nicht zu machen, ein Team von Sieben in der Redaktion, freie Autoren, Webdesigner und schließlich auch das Hosting der Daten auf dem Server zu zahlen. Als weitere Einnahmequelle fungiert daher ein Shop (http://www.drweb.de/shop/), der die Inhalte als CD-ROM und in Buchform anbietet. Unter den angebotenen CD-ROMs findet sich zudem ein Angebot von Frank Puscher (http://www.spielfigur.de), der in der Fachbuchszene einen spannenden Namen hat.

Diese Inhalte entstehen aber nicht einfach nach Belieben und in stiller Eigenarbeit. Die Redaktion um Ute Baltes herum sucht immer wieder Autoren (http://www.drweb.de/autoren.shtml), die zum Teil Profis oder Semi-Profis sind. (Der Autor dieses Kapitels ist selbst einer der Autoren und schreibt die Kolumne "fUml.com".) Aber auch Hobbyschreiber bekommen hier ihre Chance zu publizieren (http://www.drweb.de/autorenbeitrag.shtml). So kann sich das Magazin in drei Richtungen im Markt verankern:

  • Inhalte sind kostenlos im Web zu finden oder dort zu bestellen.

  • Die Form der drweb.de AG ermöglicht eine Beteiligung am Unternehmenserfolg auch für Leser.

  • Autoren haben jederzeit die Möglichkeit, sich online mit ihrem Beitrag zu bewerben und sich dort neben Profis einen Namen zu machen.

Zudem garantiert diese Anbindung natürlich auch, dass das Magazin am Puls der Zeit bleibt und direkt aus dem Abnehmerkreis heraus neue Impulse bekommt. Solche Modelle sind im Web des neuen Jahrtausends eher selten geworden, obwohl doch gerade in den 90ern solche Peer-to-Peer-Modelle sehr stark in den Vordergrund rückten und die Zukunft zu sein schienen. Sie existieren in den so genannten Blogger-Sites weiter, Online-Tagebüchern, die sich zum Teil wie E-Zines verhalten, deren Inhalte von Amateuren gestaltet werden und manchmal durchaus mit professionellen Machern Schritt halten können (zumal viele „Profis“ in ihrer Freizeit solche Diaries unterhalten).

Exkurs: Content im Web

Es bleibt das größte Paradox im Web: Gerade ein Medium, das Text so schnell und billig publizieren kann, hat bisher noch kein sinnvolles Modell gefunden, diese Texte in ein sauberes Business-Modell zu bringen. Wer allen möglichen Menschen, aber noch besser: allen ähnlichen Menschen auf der Welt unentgeltlich etwas sagen will (und deshalb hat Tim Berners-Lee das World Wide Web konzeptioniert), wird da kein allzu großes Problem sehen. Allerdings leben Massenmedien durch den Verkauf ihrer Inhalte oder durch eine Mischkalkulation, indem sie Werbeplätze verkaufen.

Im Jahr 2002 haben Menschen in den Vereinigten Staaten bereits 15 Prozent ihrer Medienzeit im Internet verbracht, wenn sie online waren. Aber nur 2 Prozent aller Werbegelder flossen in dieses Medium. Es ist also nicht leicht für eine Website, durch Werbegelder zu existieren. Zahlen dazu sind kaum zu bekommen, aber hinter vorgehaltener Hand wird gewispert, dass keines der klassischen Webangebote von großen Medienplayern mehr als maximal kostendeckend ist. Von Gewinnen wollen wir hier gar nicht groß reden. Dabei muss einem Anbieter klar sein, dass in Zeiten wirtschaftlicher Krisen wie 2001/2002 Werbebanner schon froh sein konnten, wenn sie von E 5,– bis E 10,– pro 1.000 Aufrufe erhielten. Bei Hitzahlen von 10 Millionen, die große Websites durchaus auch in Deutschland erreichen, scheint hier ein schönes Sümmchen zusammenzukommen, aber die Zahlen sinken sehr schnell in sich zusammen. Nach dieser natürlich hypothetischen Rechnung (die Bücher der großen Verlage liegen uns natürlich nicht vor) käme der Buchhalter einer solchen Site auf

10.000 * E 10,– = E 100.000,–

im Monat. Nun fallen hier erst einmal E 5.000,– pro Arbeitsplatz weg, und eine Redaktion mit 20 Mann ist inklusive Technik, Grafik, Verwaltung etc. schnell passiert. Und damit sprechen wir noch nicht von Equipment, monatlichen Unterhaltskosten, Mieten etc., wobei wir hier von einem Werbeplatz pro Seite ausgehen. Einerseits wäre es denkbar, auch einmal zwei oder drei Werbeplätze zu verkaufen, andererseits habe ich gerade stillschweigend vorausgesetzt, dass auch alle Werbeplätze verkauft wurden. Es braucht keinen allzu scharfen Sachverstand, um zu verstehen, dass Content-Geschäft in Online-Medien nicht gerade ein leichtes Business ist. Jedenfalls über den reinen Deal mit Werbeplätzen nicht, wie ihn die privaten Fernsehsender zum Teil sehr erfolgreich praktizieren.

Toi, toi, toi

Der Königsweg wäre der Verkauf von Inhalten (Content) per Internet, aber das erinnert ein wenig an den Händler, der in der Wüste steht und Streusand verkaufen will: toi, toi, toi. Einzelne hochpreisige Inhalte können hier durchaus schon erhebliche Gewinne einfahren. Börsen-Informationsdienste auf der einen Seite und Pornografie-Anbieter auf der anderen. Beide Content-Anbieter können Inhalte vorweisen, die exklusiv und damit dem Laufpublikum verschlossen sind. Und nebenbei dienen sie dazu, selbst Geld zu verdienen oder schlichtweg einem wie auch immer gearteten Spaß, der sonst nicht zu haben ist.

Spicy Websites

Erfolgsrezepte für den neuen Webauftritt

Autoren: Harald Taglinger / Eric Hagmann / Anatol Locker

Preis: ca. EUR 40

Seiten: ca. 400

ISBN: 3-8272-6484-7

Erseint zur Cebit im Markt+Technik Verlag

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