"Ich habe mein ganzes Leben lang Werbespots gedreht"

11. Februar 2003, 17:00
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STANDARD-Interview mit Robert Altman - Nach Oscar-gekrönten Meisterwerken dreht der Regie-Altmeister nun einen Werbespot

Robert Altman ist in Wien. Der Regisseur von solchen Klassikern wie M.A.S.H., Nashville oder Short Cuts, zuletzt von dem Oscar-gekrönten Gosford Park und von weiteren fast 50 Filmen dreht zur Zeit eine TV-Werbespot für die Mobilkom Austria. Nicht seinen ersten, denn, sagt Altman, "ich habe mein ganzes Leben lang Werbespots gedreht. Damit hab ich sogar meine Karriere begonnen", in seiner Heimatstadt Kansas City (die Altmanns(sic) kamen ursprünglich aus Österreich). Premiere des Spots, in dem es um einen dank Handy eingehaltenen Familientermin geht, ist am Samstag.

Als Kritiker des Studiosystems von Hollywood ist Altman schon lange bekannt, seit dem letzten Jahr äußerte er sich wiederholt kritisch über die politische Situation in den USA. Unmengen an Drohbriefen und aufgebauschte Sensationsmeldungen waren die Folge. Seither bedingt er sich für Interviews aus, dass es nicht um die Tagespolitik gehen soll (was Info-Illustrierte nicht daran hindern wird, ihn dennoch in dieses Eck zu drängen). - Mit Robert Altman sprach Michael Freund.

STANDARD: Drehen Sie gerne Werbespots?

Altman: Ich tu’s nicht, wenn’s nicht mit Freude verbunden ist. Ich habe nie einen "kurzen Film", wie ich das nenne, gedreht und mir sagen müssen: das hätte ich lieber nicht tun sollen.

STANDARD: Sie sagten einmal, dass Sie aus drei Gründen Filme machen: Ehrgeiz, Gier und Frauen.

Altman: Ehrgeiz ist immer dabei. Frauen, das hat mit meinem Geschlecht zu tun. Und was war das Dritte?

STANDARD: Gier.

Altman: Nun ja, Gier ... das heißt nur, dass man eine zweite Nachspeise will. Aber Werbefilme drehe ich auch, weil ich jedes Mal etwas lerne. Es ist ein gutes Training. Beim Film kann ich innerhalb von Grenzen meine eigenen Zeitlängen vorgeben. Beim Spot muss ich die Länge genau einhalten, bei aller Information, die hinein muss, und zwar in mehreren Schichten übereinander. Das muss dicht sein wie ein Haiku. Das diszipliniert einen unheimlich.

STANDARD: Ist es ein Problem für Sie, eine Geschichte auf 45 Sekunden zu verdichten?

Altman: Ein großes Problem und eine große Herausforderung. Aber alles, was ich ab nun tun werde, wird in irgendeiner Weise von dieser Erfahrung hier beeinflusst sein. Alles hängt miteinander zusammen, weil alles durch mich durchgeht. Das ist wie DNS: Ich kann nicht verheimlichen, wer ich bin, es ist evident in dem, was ich tu. Auch Sie können sich nicht verkleiden, wenn Sie schreiben.

STANDARD: Was werden Sie von dieser Erfahrung in Wien in Ihr nächstes Projekt mitnehmen?

Altman: Das weiß ich nicht. Etwas ohne klare Silhouette. Aber irgendetwas wird es sein.

STANDARD: Ich habe gehört, dass Sie auf das Skript Einfluss gehabt haben und Änderungen vorgeschlagen haben, die auch durchgeführt wurden.

Altman: Das muss ich tun.

STANDARD: Warum? Sie könnten es ja einfach als Auftragsjob betrachten.

Altman: Nein, so arbeite ich nicht. Teil der Freude an der Arbeit ist es, das Ding zu formen. Dazu gehört etwa, dass ich mit Laien arbeite, obwohl Leute mich gefragt haben, warum ich mir das antue. Bei meinem nächsten Dreh, in zwei Wochen in New York, wird das – ein Beispiel für Ihre vorige Frage – einen Einfluss haben. Ich mache aber nicht gerne dasselbe zwei Mal. Wenn man sich selbst imitiert, dann wird das problematisch.

STANDARD: Wie ging es konkret bei Ihrem Film in Wien zu?

Altman: Wir haben es hier mit Leuten zu tun, die keine Schauspieler sind, sondern real people, vor allem (Mobilkom-Chef) Boris Nemsic, der Hauptdarsteller – der ist wirklich gut. Jedenfalls bringe ich die Leute nicht dazu zu machen, was ich will, sondern ich richte mich danach, was sie tun können. das ist aufregend, und es ist auch mein Job.

STANDARD: Was sagen Sie am Ende des ersten Drehtags?

Altman: Es war ein guter Tag. Wenn es nach mir ginge, könnte das der erste Tag von neun Wochen sein. Morgen sehen wir weiter.

STANDARD: Sie sagten einmal, man müsse sich Ihre Filme mindestens zwei Mal ansehen, und beim zweiten Mal sei es ein anderer Film.

Altman: Ich finde, jeden guten Film muss man sich zwei Mal ansehen. Deswegen sind meine Filme nicht besonders populär.

STANDARD: Sie nennen Regisseure wie Bergmann, Fellini oder Renoir – Gosford Park war ja wie eine Hommage an ihn – als Vorbilder.

Altman: Nun ja, Sie nehmen einige der Top-Namen als Beispiele. So wie den Leuten zu mir immer Filme wie M.A.S.H. oder Nashville einfallen. Das ist gut genug, um jemanden auf die Schnelle zu identifizieren. Aber die Seele der Angelegenheit, das sind nicht die großen Namen, sondern das ist der Spaß, den ich beim Arbeiten habe: dass ich mich auf den morgigen Drehtag freue. Die großen Statuen sind nicht so wichtig. Man ist in einem Fluss, und man ist nie zwei Mal an derselben Stelle. Und wenn man mich fragt, wer hat den größten Einfluss auf mich gehabt, dann antworte ich, ich weiß den Namen nicht. Denn der wirkliche Einfluss passiert, wenn ich einen Film sehe und mir sage, das ist ja schrecklich, das will ich nie machen. Das ist die wichtigere Lektion, und die Urheber solcher Filme merke ich mir lieber gar nicht. Genauer kann ich’s nicht sagen. es ist halt so, dass ich die Antworten auf solche Fragen schlicht nicht weiß. Sie wollen eine artikulierte Antwort von mir, und für mich sind das instinktive, viszerale Reaktionen. Ich bin der Letzte, der die Wahrheit über mein Tun weiß.

STANDARD: Sie haben nach Los Angeles und während Ihrer New Yorker Zeit auch in Paris gelebt.

Altman: Ja, ich hatte dort ein eigenes Studio. Wissen Sie, das große Problem für Amerikaner, vor allem, wenn sie aus der Mitte des Landes kommen, ist, dass sie nicht mal wissen, dass es eine andere Sprache neben dem Englischen gibt. Ich kann noch immer nicht Französisch. Gut, ich kann ein Abendessen bestellen ...

STANDARD: Das ist eh das Wichtigste.

Altman: ... ja, aber ich konnte nichts Abstraktes diskutieren. Mit den Filmmitarbeitern habe ich Englisch geredet, dadurch wurde ich auch nicht angehalten, die Sprache zu lernen. So geht es einem American in Paris.

STANDARD: Nächste Projekte?

Altman: Ich plane eine Mata-Hari-Verfilmung mit Kate Blanchett. Ich glaube ja nicht, dass sie wirklich eine Spionin war, sie wurde nur als solche exekutiert. Ich will im Rashomon-Stil verschiedene Sichtweisen auf dasselbe Ereignis zeigen. Und dann plane ich einen Film über die Mid-Art-Scene von New York, über die mittelmäßige, fragwürdige Kunst, über den Betrieb drumherum.

STANDARD: Irgendwie vergleichbar mit Pret-à-porter?

Altman: Überhaupt nicht. Es soll eher in der Noir-Tradition stehen. Mein Problem ist: Ich will den Film so „falsch“ drehen, wie es die Kunst ist, über die ich spreche. Kann ich das? Hab ich den Mut dazu?

STANDARD: Soll das mit einem Augenzwinkern geschehen?

Altman: Es muss darüber hinausgehen. Ich muss so schlecht sein wie die Art Künstler, um die es hier geht. Aber ich denke nicht darüber nach, wie es wohl vom Publikum aufgenommen wird, weil ich mich da schon so oft getäuscht habe.

STANDARD: Man hat den Eindruck, dass es eine Liga von amerikanischen Künstlern gibt, die in Europa mehr Beachtung finden als daheim. Mir fallen etwa Woody Allen, Tom Waits, Paul Auster oder T.C.Boyle ein. Sehen Sie sich auch in dieser Kategorie?

Altman: Zunächst einmal: Wer mich besser kennt, würde mich nicht als „Künstler“ bezeichnen. Und was meine Produkte anbelangt, würde ich mich nicht in dieser Gruppe sehen. Zum einen gefallen mir die Arbeiten von zweien der Genannten nicht besonders. Und zum anderen: Das ist ja Bullshit mit solchen Hitlisten – wenn mich Leute zum Beispiel fragen: Ach, Mr. Altman, geht es Ihrer Karriere so schlecht, das Sie jetzt Werbefilme drehen müssen? Ich weiß, wo das herkommt: vom üblichen Gewicht, das man in Amerika dem einzelnen Star beimisst – bei einem Job, der doch vor allem aus Zusammenarbeit besteht. Kein Regisseur hat je allein gearbeitet. Ich bin am ehesten ein wohlwollender Monarch, der Aufgaben verteilen kann, aber sicher kein einsamer Künstler.

STANDARD: So sehen Sie Ihre Rolle?

Altman: Schon. Und noch etwas: Es geht in diesem Geschäft nicht um die Wahrheit, es geht um Erscheinungen und Eindruck, den man macht. Man hofft, dass man gut ankommt, man stellt nach kurzem Kennen lernen vielleicht fest, dass einem der andere schnurzegal ist. Wahrheit? So oft geht es doch nur um das Wiederkäuen von etwas, dass man schon x-mal gesagt oder gelesen hat. In Wirklichkeit hab ich eigentlich nichts zu sagen; keine Botschaft, keinen Auftrag.

STANDARD: Wenn Sie aber gar nicht an Wahrheit interessiert wären, würden Sie dann tun, was Sie tun?

Altman: Ich rede schon gern darüber, aber ich weiß nicht, ob ich dem von mir Gesagten trauen kann. Ich sage zwar vieles, aber vielleicht auch nur, um mich zu schützen. Ich weiß ja nicht einmal, was ich von mir selbst denken soll, und ob das die anderen interessiert. Ich weiß es wirklich nicht – das ist die Wahrheit. (Kurzfassung des Interviews in STANDARD, Printausgabe, 12.2.2003)

  • Robert Altman: "Ich bin am ehesten ein wohlwollender Monarch, der Aufgaben verteilen kann, aber sicher kein einsamer Künstler."
    foto: standard/cremer

    Robert Altman: "Ich bin am ehesten ein wohlwollender Monarch, der Aufgaben verteilen kann, aber sicher kein einsamer Künstler."

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