Eine Mutter namens "X"

11. Februar 2003, 11:24
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EU-Gerichtshof befasst sich mit Folgen der "anonymen Geburt" - Darf das Wissen über biologische Eltern verweigert werden?

Straßburg - Darf einem Menschen die Auskunft über seine biologische Herkunft für immer verweigert werden? Auf diese Frage soll der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte am Donnerstag eine Antwort geben. Den Straßburger Richtern liegt die Klage einer 37-jährigen Französin vor, die als "anonyme Geburt" auf die Welt kam und vergeblich versucht, etwas über ihre leibliche Familie zu erfahren.

Dies verhindert bisher das französische Gesetz: Den gebärenden Frauen wird Anonymität zugesichert. In dem Geburtsschein des Kindes fungiert an Stelle des Namens der Mutter ein "X". Das Urteil wird angesichts der Auseinandersetzung über die so genannten Babyklappen mit Spannung erwartet.

Paradefall

Die in Paris geborene Pascale Odievre wurde mit drei Jahren zur Adoption freigegeben. Nach eigenen Angaben sucht sie bereits seit dem 18. Lebensjahr nach ihrer leiblichen Familie. Von den Behörden erfuhr sie zwar, dass sie drei ältere Brüder hat, nicht jedoch deren Identität. 1998 klagte die Französin vergeblich vor einem Pariser Gericht auf Einblick in ihre Akten. Zwar wurde ein Gesetz aus dem Jahre 1993, wonach die Behörden die Identität der Mütter nach anonymen Geburten nicht preisgeben dürfen, mittlerweile gelockert.

Versuche, die Eltern zu finden

Einer Neuregelung vom Jänner 2002 zufolge sammelt in Frankreich nun eine zentrale staatliche Stelle alle verfügbaren Unterlagen von anonym geborenen Kindern. Über sie können Betroffene versuchen, Kontakt zu ihren leiblichen Angehörigen aufzunehmen. Die Zustimmung der Mutter bleibt jedoch nach wie vor Voraussetzung für eine Kontaktaufnahme.

Der Menschenrechtsgerichtshof hat nun zu prüfen, ob diese Regelung einen Verstoß gegen das Grundrecht auf Schutz der Familie darstellt. Die Richter dürften dabei abwägen zwischen dem Recht eines Kindes auf Wissen über seine Herkunft und dem Recht einer Frau, für immer den Kontakt zu einem Kind abzubrechen, das sie zur Adoption freigegeben hat. Dies wird auch in Deutschland im Zusammenhang mit den Babyklappen diskutiert, wo Mütter anonym ihre Neugeborenen abgeben können. Kritiker machen geltend, ein Kind dürfe nicht für immer von Wurzeln abgeschnitten werden. (APA/AFP)

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