Alkoholabhängige: Dunkelziffer liegt bei mindestens 660.000

11. Februar 2003, 10:21
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Beratungsverein "Blaues Kreuz": "Frauen ziehen nach" und trinken "heimlich unheimliche Mengen"

Etwa 330.000 Menschen gelten in Österreich als alkoholabhängig. Die Dunkelziffer dürfte aber mindestens doppelt so hoch sein, vermutet der Verein "Blaues Kreuz", der sich die Beratung von Menschen mit Alkoholproblemen zum Ziel gesetzt hat. Zwar greifen immer noch mehr Männer als Frauen zur Flasche, aber: "Frauen ziehen nach", berichtet Sepp Glasner vom "Blauen Kreuz".

War in diesem Bereich das Verhältnis von Frauen und Männern vor etwa 20 Jahren noch 1:5, so sei es jetzt bereits 1:3, und es scheine, "dass die Schere immer weiter zugeht". Um schwere körperliche und seelische Schäden als Folgen übermäßigen dauernden Alkoholkonsums zu verhindern, rät Glasner allen Betroffenen, an einem "Kracherlkurs" teilzunehmen.

"Quartalssäufer"

Als alkoholkrank gelten Leute, welche die Kontrolle oder die Fähigkeit verloren haben, mit dem Trinken aufhören zu können. Also jene, "die ohne Alkohol nicht mehr leben können", erklärt Glasner, der die Trinker in zwei große Gruppen einteilt. Erstens der Rausch- und Konflikttrinker - im Volksmund auch "Quartalssäufer" genannt. Zwar habe dieser Typ seine Trockenphasen, "wenn er aber einmal anfängt, kann er nicht mehr aufhören und trinkt so lang, bis er vom Sessel fällt", charakterisiert Glasner.

"Spiegeltrinker"

Die zweite Gruppe stellen die so genannten Spiegeltrinker, "das sind jene, die über den Tag verteilt regelmäßig zur Flasche greifen", so Glasner. Damit lassen sie die Alkoholkonzentration im Blut nie unter einen bestimmten "Spiegel" sinken, da sonst Entzugserscheinungen wie Schwitzen oder Nervosität auftreten. Zudem können sie bei zu wenig Alkohol ein Entzugsdelirium bekommen - sie "sehen dann weiße Mäuse". Abhängige dieses Typs können lange Zeit völlig unauffällig bleiben, berichtet Glasner.

Frauen trinken "heimlich unheimliche Mengen"

Frauen trinken "heimlich unheimliche Mengen" und sie zählen eher zu den Spiegeltrinkern. "Öfters nehmen sie härtere Sachen zu sich, weil die schneller wirken", sagt Glasner. Einer der Gründe, warum immer mehr Frauen trinken, sei möglicherweise indirekt die "Emanzipation". Immer mehr Frauen gehen einer Arbeit nach und können psychischen Belastungen ausgesetzt sein, die sie dann zur Flasche greifen lassen. Allerdings kämpfen Frauen mit dem gesellschaftlichen Druck, der mit ein Grund sei, dass sie früher etwas gegen ihre Abhängigkeit unternehmen als Männer.

"Kracherlkurs"

Einer der Gründe für Alkoholabhängigkeit dürfte sein, dass die Betroffenen kaum gelernt haben, mit Problemen umzugehen. Oft wurden im Elternhaus die Schwierigkeiten unter den Teppich gekehrt. In einem "Kracherlkurs" - Therapie plus Nachsorge - in Selbsthilfegruppen bestehe die Möglichkeit, dies in geschütztem Rahmen nachzuholen, sagt Glasner. Informationen für Betroffene und ihre Angehörigen gibt es beim Land Oberösterreich und bei den Bezirkshauptmannschaften. (APA)

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