Fünf Stockwerke Leseturm

21. Februar 2003, 17:27
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Depot-Chef Wolfgang Zinggl im derStandard.at-Interview über Erwartungen an die Stadt Wien und den Mangel an Räumen der Zivilgesellschaft

"Wir bemühen uns, mit dem Bund ins Gespräch zu kommen, um noch vor dem 28. Februar eine Lösung zu finden", versprach Kulturstadtrat Mailath-Pokorny am Dienstag bei einer Veranstaltung im Depot. Ob diese Bemühungen erfolgreich sind, ist fraglich. Schließlich ist das nahezu kaputtgesparte Depot bereits seit zwei Monaten auf die Solidarität anderer angewiesen. Viel Hoffnung auf den Weiterbestand von "Kunst und Diskussion" lässt auch das mehrmals wiederholte Statement des Kulturstadtrates, man könne nicht überall dort einspringen, wo der Bund nachlässt, nicht aufkommen. – Mit Wolfgang Zinggl sprach am vergangenen Freitag Anne Katrin Feßler über Erwartungen an die Kulturpolitik, "Kulturdampfer", "Leseturm-Alternativen" und das Besondere am Depot.


derStandard.at: Sollte die Schließung des Depot unvermeidlich sein, von wem sind Sie am meisten enttäuscht?

Zinggl: Ich wäre enttäuscht, wenn uns die Stadt Wien nicht rettet.

derStandard.at: Was erwartet das Depot von der Stadt?

Zinggl: Dass sie die Hälfte des notwendigen Budgets übernimmt und das sind 200.000 Euro. Der Stadtrat müsste sagen, wir leisten unseren Anteil mit dieser Summe und ich hoffe, dass der Bund spätestens im Juni auch diesen Anteil leistet. Aber die Stadt lässt uns hängen.

derStandard.at: Was für Kommunikation besteht momentan mit Bund und Stadt?

Zinggl: Beiden liegen unsere Subventionsanträge vor. Der Bund weist auf die Beiratssitzung hin, die Stadt Wien sagt gar nichts.

derStandard.at: Die Sprecherin des Kulturstadtrats meinte letzte Woche, die Stadt Wien fühle sich nicht für die Zukunft des Depots verantwortlich: "Es kann nicht sein, dass wir für Subventionen einspringen, die ursprünglich vom Bund gekommen sind".

Zinggl: Die Stadt Wien ist natürlich für eine Institution, die zu einem Gutteil für das städtische Publikum gedacht ist, verantwortlich.

derStandard.at: Es handelt sich um Subventionsansuchen in der Gesamthöhe von 400.000 Euro. Im letzten Jahr haben die Subventionen von Stadt und Bund zusammen 135.000 Euro ausgemacht. Wieso braucht das Depot jetzt mehr Geld?

Zinggl: 2002 hatten wir aufgrund der prekären Finanzlage vier Schließmonate. Und dann war da viel unentgeltliche Arbeit, von Vortragenden, über die Druckerei, bis zum Team. Auf Dauer geht das nicht. Wenn wer glaubt, wir werden das heuer wieder mit 135.000 Euro machen, dann ist das ein Irrtum.

derStandard.at: Was passiert nach einer positiven Beitragsentscheidung?

Zinggl: Dann liegt die einen Monat lang am Schreibtisch vom Staatssekretär, anschließend einen Monat am Schreibtisch vom Ministerialrat. Und am Ende kriegen wir ein Fünftel von dem was beantragt wurde. So ist das voriges Jahr gelaufen.

derStandard.at: Es gibt im Moment schwarz-grüne Regierungsverhandlungen. Sollten die Grünen in die Regierung kommen, steigen dann die Hoffnungen des Depot auf ausreichende Subventionen?

Zinggl: Wenn die Grünen in die Regierung kommen und das Kulturressort übernehmen, ist meine Hoffnung größer, dass das Depot ordentlich weiterexistieren kann. Aber erstens einmal ist es bis dahin ein breiter und langer Weg und zweitens ist es fraglich, ob in einer Regierung von Grün und Schwarz, die Grünen überhaupt die Kulturagenden übernehmen.

derStandard.at: Wann ist die letzte Deadline für eine Entscheidung übers Zusperren oder weiteres Zuwarten?

Zinggl: Um die Räumlichkeiten zu kündigen warten wir noch bis Ende Februar. Dann ist unsere letzte Deadline.

Museumsquartier und "kleine flinke Kulturboote"

derStandard.at: In Bezug auf die Rückkehr der sogenannten Drittnutzer ins Museumsquartier signalisierte die Errichtungsgesellschaft zumeist "grünes Licht". Es heißt aber auch, das Depot hätte sich eine Rückkehr gar nicht leisten können.

Zinggl: Wenn das Depot kein Geld hat, kann es nicht übersiedeln. Außerdem hat es nie einen Vertrag gegeben, weil zu viele Dinge - wie etwa die Höhe der Betriebskosten oder die Ablöse bei vorzeitiger Kündigung - unklar waren.

derStandard.at: Morak hat im Mai 2000 bei einer Podiumsdiskussion gesagt, es fließe der Großteil der öffentlichen Gelder in "die großen alten Kulturdampfer" des 19. Jahrhunderts wie die Oper. – Seitdem sind fast drei Jahre schwarz-blaue Kulturpolitik des Bundes vergangen? Hat sich etwas geändert?

Zinggl: Ja. Zu den großen Dampfern haben sie noch einen dazugebaut: Das Museumsquartier. Das ist ja ein großes Schlachtschiff, das vorher gar nicht in den Gewässern war. Das saugt natürlich sehr viel Kapital ab. Und für die kleinen, flinken Kulturboote ist kein Geld mehr da.

derStandard.at: Das Museumsquartier: Ein Kulturdampfer des 20. Jahrhunderts?

Zinggl: So wie es geführt wird, ist es ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert unter postmoderner Attitüde. Es ist ein klassisch postmodernes Kulturgebilde - nicht vom Aussehen her, sondern von der Intention.

derStandard.at: Wann hat sich das Depot vom "Projekt" zur "Institution" gewandelt?

Zinggl: Das war 1997. Stella Rollig hat damals darum gebeten, dass dieses florierende Projekt vom Bund übernommen und weitergeführt wird. Und der damalige Minister (Anm.: Scholten) hat gesagt, wir schauen uns an, ob der nächste Bundeskurator /die nächste Bundeskuratorin, das weiterführen will. Denn sobald ein Zweiter die Institution weiterführen möchte und ein Großteil des ihm zur Verfügung stehenden Kapitals hineinsteckt, ist es kein Einzelprojekt einer Kuratorin mehr.

derStandard.at: Ist das Publikum ein Grund wieso eine Institution weitergeführt werden sollte?

Zinggl: Es gibt ein Zielpublikum, und wenn das nicht kommt, ist eine Institution gescheitert.

derStandard.at: Wie nah ist das Depot seinem Zielpublikum?

Zinggl: Es kommt das Zielpublikum, das wir uns wünschen. Wir haben eine Adressdatei von 7.000 Leuten, die sich alle persönlich eingetragen haben. Also wenn wir kein Zielpublikum haben, wer in Wien dann?

Räume der Zivilgesellschaft

derStandard.at: Wohin verlagern sich die Räume des öffentlichen Diskurses?

Zinggl: Räume des öffentlichen Diskurses können meiner Meinung nach nicht genügend gefördert werden, wenn sie alle voll sind. Es gibt so etwas wie eine Medienkonzentration und da ist es doch gut, wenn die Leute die alten Formen des Diskurses wieder aufgreifen.

derStandard.at: Sechs Jahre haben Sie das Depot maßgeblich mitgeprägt, welche Highlights sind in Erinnerung geblieben?

Zinggl: Das Depot hat keine Geschichte von Highlights, obwohl es die natürlich auch gegeben hat. Wir haben ja keinen Spielplan wie das Burgtheater, das zwei Premieren im Jahr hat, die besonders gut waren. Wesentlich ist die Kontinuität mit der ganz bestimmte Themen verfolgt werden: Die Kunsttheorie, Gender-Debatte, die Kulturpolitik, die Filmtheorie, um nur einige Beispiele zu nennen. Aber wenn ich an "Was tun" [Anm.: Untertitel „Aktuelle Beispiele zu Interventionskunst und Aktivismus“, Dez. 2000] denke: Das war jeden Tag mit 200 BesucherInnen rammelvoll. Das war sicher einer der besten Veranstaltungen.

derStandard.at: Was hat sich durch das Depot maßgeblich verändert und was wird fehlen, wenn es das Depot nicht mehr geben sollte?

Zinggl: Ich denke, wenn das Depot zusperren muss, geht ein Raum der Zivilgesellschaft verloren. Eigentlich kannst du als BürgerIn zu ganz bestimmten Themen überhaupt nicht mehr Stellung beziehen: Was bleibt? Der Leserbrief in der Krone – von dem du nicht weißt, ob er abgedruckt wird. Den Stammtisch gibt es nicht mehr – der ist ein Mythos. In der Universität gibt es kaum öffentliche Foren. Das heißt, es braucht öffentliche Räume, wo die Leute zu Themen mit gleich Interessierten sprechen und sich austauschen können. Das gehört zur Entwicklung einer Kultur dazu. Und wenn das fehlt, haben wir nur mehr Shows. Dann wird nur noch konsumiert. Und wenn das Depot weg ist, dann fehlt der einzige Raum in Wien, in dem es das alles kontinuierlich gibt.

derStandard.at: Ein letzter Rückblick: Eine Wiener Stadtzeitung hat 1994 in ihrem Special "Best of Vienna" auch einmal das Depot ausgezeichnet. Wissen Sie welcher "Best of Vienna"-Titel dem Depot damals zugesprochen wurde?

Zinggl: Keine Ahnung. Irgendwas Lustiges mit Volkshochschule?

derStandard.at: Nein. "Bester Leseturmersatz auf 65 m2"... - Und heute? Welcher "Best of"-Titel würde heute aufs Depot passen?

Zinggl: Der gleiche!

derStandard.at: Mit mehr Quadratmetern?

Zinggl: Ja, es sind fünf mal so viele Quadratmeter. Wir haben also nicht nur einen Stock, sondern gleich fünf Stock Leseturm. 65 m2 waren es damals, jetzt sind es 320 und wir könnten den ganzen Leseturm locker füllen. - Wenn du mir heute nicht ein Depot gibst, sondern drei, dann kann ich sie alle gleichzeitig bespielen und zwar so, dass sie alle voll sind.

derStandard.at: Wie wären die drei "Depots" thematisch voneinander abgegrenzt?

Zinggl: Einen zur Bildungspolitik, einen zu Fragen der Wirtschaft und des Arbeitsrechts und einen zu kulturellen Dingen. Die bespiele ich dir alle drei, das ist überhaupt kein Problem.

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    montage: derstandard.at / fotos: depot / fessler
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    foto: derstandard.at/fessler
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